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Errorhead
 
Errorhead - Marcus DemlDas aktuelle Album von Errorhead ist birgt nicht nur klasse Musik verpackt in einer perfekten Produktion, sondern trägt in seinem Albumtitel ORGANIC PILL eigentlich einen Widerspruch in sich. Das und einiges mehr wollte unser Marc S. genauer wissen und bekam Meistergitarrist Marcus Deml trotz laufender Tour für ein Interview ans Telefon. Was der studierte Musiker dann alles zu erzählen hatte über Madonna, dressierten Casting-Kinder oder Steve Lukather, müsst ihr jedoch selbst lesen.

Datum:
 M.A., 29.03.2012

Wir fragten...
 Hallo Marcus! Kompliment für ORGANIC PILL, ein echtes Feuerwerk anspruchsvoller Rockmusik!! Es freut mich sehr, dass Du dir die Zeit genommen hast, unserem Magazin Rede und Antwort zu stehen;-) Los geht’s!
Du bist mit Errorhead gerade auf Tour, morgen spielt Ihr in Hamburg. Wie ist die Stimmung in der Band? Wurde bereits jemand vom berühmten "Tournee-Koller" heimgesucht?


Marcus: Die Stimmung ist super! Wir haben ja jetzt erst 10 Konzerte gemacht. So ein „Tournee-Koller“ setzt meistens erst nach 3-4 Wochen ein und nicht bei dreizehn Terminen, was natürlich für Deutschland schon relativ viel ist, wobei wir ja auch einmal in der Schweiz waren. Die 4. Show ist immer etwas anstrengend, weil wir ja auch so ca. 500 km am Tag gefahren sind. Aber alles gut, wir machen das ja aus Überzeugung. Es kommt ja auch super an, morgen Hamburg ist ausverkauft, da freue ich mich natürlich sehr. Den Laden hätten wir auch zweimal buchen können, weil da nur knapp 400 Leute reingehen. Das ist also sehr schön!


Du hast am renommierten Guitar Institute of Technology (GIT) studiert. Wie muss man sich den Ablauf eines ganz normalen "Studientages" vorstellen? Ist die Angelegenheit eine elitäre und steife Veranstaltung oder geht es eher locker vor sich?

Überhaupt nicht elitär! Aber ich habe das sehr ernst genommen. Ich habe schon mit 16 Jahren die Entscheidung gefällt, dass ich da hingehe. Ich hatte einen Deal mit meinen Eltern, dass ich direkt nach dem Abi keinen normalen Berufsweg verfolgen werde und stellte sie vor die Wahl, dass ich das mache, was ich sowieso schon tat. Nämlich an jeder Steckdose, in jedem Jugendzentrum und auf jeder Party und überall, wo es 100.- DM zu verdienen gab, oder auch nicht, spielen werde. Und da fanden sie eine Ausbildung gut, die mussten sie ja erst einmal vorfinanzieren.
Der Tagesablauf lässt sich am besten so darstellen: 06:00 Uhr früh aufstehen, zwei Stunden üben, um 10:00 Uhr fing dann die Schule an. Dann war man bis 13:00 Uhr in Gemeinschaftsklassen mit ca. 30 Leuten, dann eine halbe Stunde Mittagspause und dann gingst du in sogenannte "Open Counsellings", wo du dann die großartigen Leute getroffen hast, die du nur aus irgendwelchen Musiker-Fachmagazinen kanntest, ob es Scott Henderson, Paul Gilbert oder irgendwelchen komplett Wahnsinnigen, die man überhaupt nicht kannte, waren. Das habe ich dann meistens so bis 17:00 Uhr/18:00 Uhr gemacht, danach kurz Abendessen, danach geprobt, dann noch einmal bis Mitternacht üben und dann ging am nächsten Morgen der ganze Wahnsinn von vorne los. Das habe ich 2 Jahre gemacht. Somit hatte ich den großartigen Vorteil, dass ich 2 Jahre wirklich 14 Stunden am Tag Musik gemacht habe, 14 Stunden am Tag eine Gitarre in der Hand hatte. Wenn man sich so fokussiert, merkt man tagtäglich Fortschritte.


Die Mühen der Ausbildung haben sich wohl mehr als gelohnt! 2005 wurdest Du vom amerikanischen Guitar Player Magazin mit dem „Guitar Hero Award“ ausgezeichnet. Die Preisverleihung fand in der Rock and Roll Hall of Fame in Cleveland statt. Übergeben wurde Dir die Auszeichnung, wenn ich richtig recherchiert habe, von Joe Satriani und Steve Lukather, zwei nicht ganz unbekannten Vertretern, möchte ich mal sagen;-) Kannst Du Dich an die Preisübergabe noch ganz bewusst erinnern oder setzt es in einem solchen Moment einfach aus?

Ich bin - durch meine Zeit in Amerika - nicht so ehrfürchtig, egal wie berühmt die Kollegen sind. Wenn Du mit 19, 20 Jahren – so alt war ich damals während meiner Ausbildung beim GIT – mit Leuten wie Paul Gilbert zwei Stunden jammst und jeder sagt „Das ist aber Paul Gilbert“, du aber merkst, dass du zwar anders spielst, aber dem Kollegen auch auf Augenhöhe begegnest, dann betrachtest du so einen Preis einfach als eine schöne Wertschätzung. Es hat mich natürlich wahnsinnig gefreut, aber ich fange jetzt nicht an zu zittern, wenn mir irgendein Superstar begegnet. Vielleicht Madonna, aber die find’ ich eh unsympathisch und schätze ihre Musik auch nicht so, ha-ha. Aber so etwas freut mich, das sind natürlich großartige Kollegen und wenn die dich dann irgendwie dumm angrinsen ist das toll.
Woran ich mich allerdings sehr gut erinnern kann, ist die Party mit Steve Lukather, die, glaube ich, bis 06:00 Uhr morgens ging. Wir haben uns fürchterlich betrunken, fürchterlich! Man merkte, dass er total auf mein Spiel stand. Vielleicht haben wir auch einen ähnlichen Musikgeschmack oder einen ähnlichen stilistischen Background. Wir haben uns jedenfalls super verstanden und er hat mich dann auch - ein paar Wochen später - auf ein Konzert in Hamburg eingeladen. Da haben wir dann weiter getrunken, ha-ha!


Ich möchte noch ein wenig weiter zurückgehen. Kannst Du Dich noch an die erste Begegnung mit dem Thema Musik erinnern? Wer sind Deine musikalischen Helden?

Die erste Begegnung ist natürlich total unspektakulär. Das war so als 5-6-Jähriger, wo du dann Abba oder etwas ähnliches siehst oder aber dich an dem orientierst, was die anderen Kinder im Kindergarten oder in der Vorschule hören. Mit 10 Jahren wurde ich dann schon relativ ernst und fing an über Gitarrespielen nachzudenken. Und da waren es dann die üblichen Verdächtigen, Hendrix und solche Leute. Die erste Platte, die ich wirklich unfassbar geil fand, bevor ich überhaupt spielte, war BAND OF GYPSYS, die Liveplatte von Jimi Hendrix, aufgenommen Sylvester 1969/1970. Das hat mich wirklich weg gehauen und ich fing dann auch schon an, Sachen wir B.B. King etc. zu hören.
Zum Rock kam ich relativ spät, erst so mit 15, das war dann durch einen Fernsehauftritt von Gary Moore, der mich weg geschossen hat. Dazwischen hatte ich, was relativ ungewöhnlich war, den Wunsch, Jazzgitarrist zu werden. Ich fand Wes Montgomery, George Benson und den Frankfurter Gitarristen Michael Sagmeister fantastisch. Das waren meine ersten „Heroes“, obwohl ich erst 2 Jahre Gitarre spielte und natürlich nichts von dem verstand, was die machten. Ich befand mich halt in einem entsprechenden sozialen Umfeld. Wir waren eher die „Uncoolen“ in der Klasse. Und die hörten dann natürlich auch besonders uncoole Musik, nämlich Blues und Jazz. Eine ganz wichtige Platte war auch Deep Purple’s MADE IN JAPAN für mich. Dazu spielte ich Luftgitarre, bevor ich überhaupt eine Gitarre hatte. Mir hatten es vor allem die Live-Platten angetan, so auch Rory Gallaghers IRISH TOUR. Die fand ich auch super. Das waren so meine prägenden Platten. Was ja auch da interessant ist: Das waren oder sind ja alles Stratocaster-Spieler, was ich ja bis zum heutigen Tage dann auch geblieben bin.
Danach ging es wirklich Querbeet. Ich habe wirklich alles mögliche gehört. Ich habe selten Berührungsängste mit Musik. Ich habe ja auch irgendwann mal Techno- und Ambientplatten produziert und auch auf ganz vielen Dance-Produktionen gespielt. Das fand ich sehr, sehr spannend. In den Neunzigern hatte ich so eine Durchhänger-Phase, was den Rock anging. Das war nach der großen Kommerzialisierungswelle der Achtziger. Da dachte ich mir: Ich kann’s nicht mehr hören, diese ganzen Bon Jovi-artigen Bands und fand da eine gewisse Frische im Elektronik-Bereich. Die ersten beiden Errorhead-Platten waren ja auch Solo-Instrumental-Platten mit elektronischen Elementen. Es war der Versuch einer Symbiose.


Etwas ähnliches hat Jeff Beck ja auch bereits gemacht.

Ja, aber wir waren vor Jeff Beck am Start. Die erste Errorhead-Platte ist tatsächlich ein Jahr vor dieser Jeff Beck-Platte raus gekommen.


Wie stehst Du Casting-Formaten wie DSDS gegenüber, in denen ein völlig verzerrtes Bild von einer „Musik-Karriere“ gezeichnet wird. Schwillt einem als Profimusiker da nicht augenblicklich der Kamm, wenn man so etwas sieht?

Ich muss tatsächlich gestehen, dass ich, als das mit DSDS losging, ein furchtbarer Hasser dieser Show war. Ich erzählte auch jedem meine Meinung, nach der ich nicht gefragt wurde. Mittlerweile belustigt es mich eher. Das einzige, was wirklich tragisch daran ist: In jedem Dorf in Deutschland oder überall auf der Welt sitzen Genies! Und man guckt sich tatsächlich irgendwelchen dressierten Casting-Kinder an, die vor einer Jury von musikalisch äußerst zweifelhaften Leuten stehen. Wir haben uns als Kinder schon über den "Pop-Titan" Dieter Bohlen lustig gemacht. Den fanden wir einfach unfassbar! Ich habe tatsächlich mal versucht, das zu hören. Das ist sicherlich ein begnadeter Geschäftsmann, hat aber einfach nichts mit Musik zu tun. Das ist ein Sportevent! Was daran auch sehr interessant ist: Es geht ja nur noch um die Sänger und ihre Sympathiewerte.
Gute Musik entsteht immer im Kollektiv. Wenn du dir die großen Bands wie Deep Purple oder Led Zeppelin anschaust: Da war der Bassist genauso wichtig wie der Sänger. Selbst wenn die Kinder talentiert sind, was sie ja manchmal sogar sind, dann haben die keine Chance, weil sie in eine Schublade gedrängt werden. "Du wirst jetzt der Kuschelrock-Sänger a la Soundso!" Und dann muss der natürlich diese Lieder nachsingen und Nachsingen ist auch noch so eine Sache. Nur vom Nachsingen hinterlässt man auch keine Spuren. Man muss natürlich auch mal als Songwriter glänzen bzw. schadet es auch nicht, wenn man ein Instrument spielen kann;-) Ich denke dass die Angelegenheit eigentlich ziemlich traurig ist, man sollte es aber mit Humor nehmen. Ich glaube es ist der verzweifelte Versuch der Musikindustrie, Kohle raus zu schlagen, was ihnen tatsächlich gelingt. Pro Abend sind es an die 20 Millionen Euro an Verlagsrechten, die produziert werden. Da klingelt natürlich die Kasse, bei 6 bis 15 Millionen Zuschauern. Zum Abschluss dessen: Ich finde es letztendlich auch unfair gegenüber den Teilnehmern. Jeder, der das mitmacht, sollte sich darüber im klaren sein, dass er nie (!) im Musikbusiness eine langfristige Karriere machen wird. Daran glaube ich einfach nicht. Die Teilnehmer werden ja von den Zuschauern auch nicht ernst genommen. Das sieht man auch daran, dass die Tourneen meistens abgesagt werden, selbst von den Gewinnern!


Kommen wir nun endlich auf ORGANIC PILL zu sprechen! Welche Bedeutung hat der Albumtitel?

Der Albumtitel soll zwei Dinge sagen:

Erstens: Es ist wirklich ein organisches Werk. Die Aufnahmen für die Musik haben tatsächlich nur 12 Tage gedauert, weil das meiste live eingespielt wurde. Danach wurde ein wenig „geoverdubbt“ und ausgebessert.

Zweitens: Mein verschrobener Humor! Heutzutage ist ja alles Bio. Es heißt ja übersetzt „Biopille“, was ja ein Widerspruch in sich ist. Mittlerweile gibt es ja sogar Biodrogen, Biozigaretten und Bio-Alles, ha-ha! Ein Bekannter sagte mir kürzlich, er würde jetzt anfangen Biocrack zu rauchen (lautes Gelächter an beiden Enden der Leitung!). Der Albumtitel ist also als „Augenzwinkern“ auf diesen ganzen Biowahn anzusehen.


Du hast das Album selbst produziert. Kein Vertrauen zu externen Produzenten?

Doch, aber ich kann sie mir momentan nicht leisten;-) Ich habe das erste Errorhead-Album mit einem guten Freund aus Berlin, Jeremy Sash, co-produziert, der damals auch die ganzen Programmings gemacht und sich um die Aufnahmequalität gekümmert hat. Die Arbeitsweise war die: Ich habe ein wunderschönes Studio zu Hause. Dort habe ich ein Jahr lang die Songs vorproduziert und danach haben es die Jungs gekriegt. Die Songs sind daher sehr mit mir gewachsen. Man muss verstehen, dass - seit es Errorhead gibt – mir jeder aus der Industrie erzählt, das darf man nicht machen. Das würde auch keiner kaufen und das interessiert niemanden. Ich habe jedoch nur ein freundliches „Fuck you!“ hinterher geworfen und es einfach selbst gemacht. Ich bin mittlerweile auch ein passabler Tontechniker und habe halt ein gutes Studio zu Hause. Wobei, wir sind dann in ein völligst wahnsinniges Studio, mit ca. 3 Millionen Euro Inventar, gegangen. Ich habe wirklich jeden Cent zusammengekratzt den ich hatte, um das überhaupt finanzieren zu können. Aber Kai Fricke, der ein großartiger Toningenieur ist, war dann immer noch meine Kontrollinstanz.
Die Songs gab es schon ein Jahr in einer suboptimal aufgenommenen Version, von mir gesungen, mit mir als Bassisten, Schlagzeuger und Keyboarder. Mir war daher ziemlich klar, was ich für Arrangements haben wollen würde. Ich würde es aber in der Zukunft nicht ausschließen, dass ich Aufnahmen mit einem externen Produzenten mache. Wenn einer ein geiler Typ ist und geilen Input gibt dann, hey super! Ich mache das nicht aus egomanischen Gründen.


Inwiefern haben die Bandkollegen Mitspracherecht?

Sie haben Mitspracherecht. Man muss sich wirklich vorstellen, dass ich ein trauriger Bassist bin, ein trauriger Drummer (lacht) und auch kein besonders guter Sänger. Ich schuster mir in meinem Studio halt alles selbst zusammen. Frank (Bassist Frank Itt, Anm.d.Red.) sagt dann, „Pass mal auf, dann macht die Drum aber das usw.“ Das heißt; ich mache sehr detaillierte Skizzen, habe aber natürlich so großartige Mitstreiter, dass die das alles verbessern dürfen oder sogar sollen. Das Ding ist, dass ich mir dann nur wiederum das Recht herausnehme, der Executive Producer zu sein. Wenn es also irgendwelche Querelen gibt sage ich irgendwann mal „Schluss, so wird’s gemacht“. Das hat aber auch Effizienz- und Zeitgründe. Wir haben leider nicht das Budget wie die Bands aus den Sechzigern, die sich drei Monate über einen Song streiten konnten.


Vielleicht hätte ich, was „geiler Produzent und Typ“ angeht, einen Tipp. Ich hatte erst kürzlich das Vergnügen, mit Osssy Pfeiffer, Produzent und Musiker aus Hannover, ein Interview zu führen.

Der Name sagt mir was, ich glaube wir sind Facebook-Freunde, haha!


Osssy sagt, dass der Zeitgeist einer Aufnahme immer ein konservierter Moment ist. Worauf ich hinaus möchte: Wie zufrieden bist Du aktuell noch mit ORGANIC PILL, gibt es bereits Songs, die Du, wenn Du sie heute noch einmal aufnehmen könntest, anders angehen würdest?

Ja selbstverständlich! Ich habe noch nie eine Platte gemacht mit der ich zufrieden bin, das muss man wirklich sagen. Als die Platte fertig gemastert war, ca. vor einem halben bis dreiviertel Jahr, konnte ich mir das Ding nicht anhören. Ich konnte nachts nicht schlafen und sagte so zu mir; „Oh Gott, was haste da wieder verbrochen.“. Daher auch die Idee, es nicht zuhause im eigenen Studio zu machen, sonst würde ich jetzt noch daran sitzen. Das heißt man muss die Eier haben zu sagen „Wir haben den Moment aufgenommen und sind hier nicht bei „Wünsch dir was“ sondern bei „So Isses“!“. Alle meine Lieblingsplatten „menscheln“ ein wenig und haben Fehler. Ob sich hier und da jemand verspielt oder es ein kleiner Toningenieur-Fehler ist. Wir sind halt Menschen. Wir haben auch keine Computer zum begradigen benutzt. Wir haben einfach geschaut, dass wir einen Track bekommen, der die richtige Vibe hat. Wenn dem so war, war’s das dann auch. Darauf wollten wir hinaus, dieses Seventies-Vibe!


Wie bereits erwähnt tourt ihr momentan durch Deutschland. Morgen spielt Ihr im Downtown in Hamburg. Bleibt zwischen den Gigs eigentlich genug Zeit für Sightseeing oder Treffen mit alten Freunden und Bekannten?

Nö! Ich habe eigentlich immer irgendwelche Termine oder penne ;-), weil die Shows einfach anstrengend sind. Wir geben in den zweieinhalb Stunden auf der Bühne alles. Du fühlst dich danach wie nach einem Boxkampf. Da wird eine unglaubliche Energie freigesetzt. Danach sind wir immer noch zwei Stunden bei den Fans, geben Autogramme, quatschen mit denen etc. Danach brauchst du nochmal zwei Stunden um runterzukommen. Morgens quälst du sich dann wieder aus dem Bett und sitzt vier bis fünf Stunden im Bus, kommst zum Soundcheck. Dann stehen wieder zwei bis drei Interviews auf dem Programm oder man muss noch irgendwelche Sachen klären. Es gibt natürlich auch kleinere Katastrophen, ha-ha. Z.B. der Bus ist irgendwo hängengeblieben oder der Drummer ist noch auf der Musikmesse und kommt fünf Minuten vor dem Auftritt an. So geschehen in Aschaffenburg, wo einige hundert Leute auf uns gewartet haben und wir haben keinen Soundcheck gemacht. Nee, da bleibt eigentlich überhaupt keine Zeit. Deshalb habe ich jetzt ein paar Tage frei gehabt und bin dann mittags einfach für `ne Stunde weggebrochen.


Es sei dir gegönnt! Wie zufrieden bist Du mit dem bisherigen Verlauf der Tournee?

Super! Die Leute denken immer, das wäre so ein glamouröses Leben. Aber eigentlich sind die 22 Stunden außerhalb des Konzertes ein ganz normaler Job und nerven auch manchmal unfassbar! Ich sage immer; "Ich wollte eigentlich nur Gitarre spielen!" Das Musikbusiness, das muss ich dir nicht erzählen, hat halt leider noch viele Facetten. Man muss dann auch mit anderen Dingen klarkommen und sich einfach ums Business kümmern, um die ganzen Online-Geschichten und den ganzen Wahnsinn. Jedes mal wenn ich dann an mir zweifel denke ich; "Ach, ich könnte auch irgendwo einfach eine Dozentenstelle annehmen und drei Tage die Woche unterrichten und mir würde es auch gut gehen." Sobald ich dann aber auf die Bühne komme, gibt dir die Begeisterung der Zuschauer einfach so viel zurück. Das bedeutet mir einfach alles! Das ist einfach das größte Gefühl auf der Welt!


Gibt es bei Euch bestimmte Rituale zur Einstimmung auf ein Konzert?

Ja, ja, die sind aber obszön, daher kann ich die hier nicht wiederholen, haha! Wir stehen mit der ganzen Crew zu sechst, also mit Soundmann und Backliner, im Kreise und haben so unsere kleinen Rituale und schreien uns kurz frei. Frank hat zu jedem Konzert eine kleine Rede vorbereitet und das hilft sehr, ha-ha!


Jazzrock ist ebenfalls ein großer musikalischer Einfluss von Dir. Wie stehen die Chancen, in absehbarer Zeit ein reines Jazzrockalbum von Dir in den Händen zu halten?

Habe ich gemacht! Electric Outlet heißt das Projekt. Das machte ich zusammen mit Frank (Itt), dem Schweizer Keyboarder Tom Aeschbacher und Ralf Guske, dem Schlagzeuger und musikalischen Direktor von Xavier Naidoo. Das Projekt ist bei einer finnischen Metalfirma namens Lion Music verlegt. Wir haben sogar eine zweite Platte gemacht, die seit anderthalb Jahren in meiner Schublade liegt. Das ist wirklich so Seventies-Jazzrock. Keine Nummer unter neun Minuten, in jeder Nummer ein zweiminütiges Gitarrensolo, zwei Minuten Keyboardsolo. Ich spiele wesentlich vertrackter und schizomäßiger als auf den Errorhead-Platten. Man kann sich das so vorstellen wie eine Mischung aus Billy Cobham, Mahavishnu und frühen Jeff Beck-Platten. Wir haben das irgendwann mal als Selbsthilfe-Gruppe für frustrierte Sessionmusiker gestartet, ha-ha. Nach einem Studiojob mit Itt und Guske haben wir dagesessen und gesagt: "Boah, hör die mal die alte Tony Williams-Platte von 1975 an." Da haben wir uns angeguckt; "Sag mal, jeder von uns hat ein schönes Studio. Lass uns einfach mal so ein Ding aufnehmen."
Das ist auch super angekommen. Aber es ist halt schwierig, so was nebenher zu machen. Ich mache halt wirklich 12 Stunden am Tag Errorhead. Davon sind leider 8 bis 9 Stunden Business und den Rest der Zeit versuche ich mich um Musik zu kümmern. Ich muss natürlich auch davon leben, weil ich nichts anderes mache. Das Jazzrockprojekt war so eine Plusminus-Null-Geschichte, um ehrlich zu sein. Da kommen halt nur wirklich Musikliebhaber und irgendwelchen Instrumental-Nazis;-) (wiederum Gelächter auf beiden Seiten!). Und es gibt halt wirklich gar kein Geld. Wir haben die letzte Tour vor ca. zwei Jahren gemacht, mit zehn Konzerten. Ich glaube, ich bin nach den zehn Konzerten mit 500 Euro nach Hause gekommen. Also der absolute Wahnsinn!
Aber musikalisch hat es mich weitergebracht muss ich sagen. Ich wollte so was auch immer machen. Gitarristisch bin ich da sehr stolz drauf. Ob das jetzt großartige Songs sind, das kann ich jetzt nicht beurteilen. Da haben wir einfach gejammt, aufgenommen, der Song war in einer Stunde geschrieben, jeder hat daran mitgeschrieben, so wie es halt üblich war. Dann wurden drei Takes gemacht und das war’s dann.


No for something completely different! Ich gehe davon aus, dass Du auch die aktuelle Musikszene verfolgst? Welche aktuellen Platten drehen sich momentan auf Deinem Plattenteller?

Ich bin ziemlich ignorant, was die aktuelle Musikszene angeht. Wenn ich im Auto sitze höre ich eigentlich nur die Schnöselsender wie Classic-Radio, Deutschlandfunk und so was. Ab und zu höre ich mal Delta-Radio, was ein Rocksender hier im norddeutschen Bereich ist. Diese ganzen, ich nenne sie jetzt mal politisch unkorrekt, „Plastik-Acts“ sprechen mich nicht an. Vielleicht bin ich dafür auch einfach schon zu alt.


Ich meinte auch eigentlich so Sachen wie Joe Bonamassa, Henrik Freischlader etc.

Ach so! Ich weiß natürlich wer Joe Bonamassa ist, habe aber keine Platten von ihm. Es gibt eine Regel im Hause Deml. Ich habe mir seit ca. zehn Jahren keine Gitarrenplatte mehr gekauft. Mich hat es unglaublich genervt, dass immer diese Vergleiche gezogen werden. Denen kann man zwar so nicht entgegenwirken, aber man ist tatsächlich etwas unbefangener. Joe Bonamassa kenne ich seit ca. 20 Jahren. Ich habe den irgendwann mal gehört, da habe ich noch in Amerika gelebt, da war der 16 Jahre alt oder so. Fand ich unglaublich gut. Kings of Leon z.B. fand ich gut. Die habe ich mir gekauft. Da werden sich viele Leute wundern aber ich fand auch die Produktion unglaublich gut. Gitarrenplatten eher weniger. Wenn dann vielleicht „Best of Django Reinhard“ oder wirklich eine Jazzplatte, z.B. Michael Sagmeister. Ich habe ja hauptberuflich mit Rockmusik zu tun, meistens will ich’s dann nicht mehr hören. Stop, eine Sache habe ich mir noch gekauft, Derek Trucks, fand ich unglaublich gut. Derek Trucks, der auch bei den Allmann Brothers spielt, hat eine unglaubliche Band und ist ein begnadeter Gitarrist, der mich echt zu Tränen gerührt hat.


Wenn ich dir mal eine Tipp geben dürfte: Die neue Scheibe von Philip Sayce!

Den kenn ich auch, weil ich ein großer Jeff Healey-Fan bin, da hat Sayce früher Rhythmusgitarre gespielt. Ich glaube sogar, dass unsere Agentur da ein Doppelkonzert machen wollte. Deshalb habe ich mir das angeschaut. Fand ich sehr erdig, sehr ehrlich. Wobei das total gemein ist, weil der so gut aussieht. Keiner von uns sieht so gut aus wie der, haha! Der hat bestimmt nur wunderschöne Frauen in der ersten Reihe, die seine Schweißtropfen abhaben wollen;-) Der sieht ja aus wie ein Model und spielt diesen supererdigen Blues Rock. Aber fand ich super, Philip Sayce finde ich klasse!
Man merkt immer ganz schnell, ob jemand das meint oder lebt, was er spielt. Ich finde wenn das einer macht, auch wenn's die kitschigste Pop-Nummer ist, dann ist der Künstler unantastbar! Selbst wenn’s dem Konsumenten nicht gefällt. Ich glaube, dass wir trotz dieser Casting-Shows und diesem ganzen Plastik-Pop da draußen, auf dem Weg sind, dass sich Leute ohne Major-Label wie eben Philip Sayce oder vielleicht sogar Errorhead ein größeres Publikum erspielen können. Und die Leute spüren auch, wenn du das ernst meinst, was du machst. Ich nehme mir nach den Konzerten alle Zeit der Welt für die Leute, die ihr teuer verdientes Geld zu uns gebracht haben und die meisten stimmen mit mir überein. Die Fans sagen, dass es für sie im Radio keine Musik gibt. Und wenn man sie dann fragt, wie sie auf uns gekommen sind, kommen dann so Sachen wie Youtube, über einen Bekannten, irgendeine Gitarrenzeitung oder hoffentlich jetzt auch durch das Interview oder die Review bei HardHarderHeavy. Man muss aber schon ein wenig Selbstinitiative als Konsument beweisen. Dann gibt es da draußen großartige Musik, für jeden!!!


Dem kann ich mich nur anschließen, schönes Schlusswort! Hast Du zum Abschluss vielleicht noch eine Message für unsere Leser?

Eine Message (lacht)? Du meinst, so eine politisch korrekte Message, die ihr Leben bereichern würde?


Muss jetzt nicht unbedingt politisch korrekt sein;-)

Ich glaube, dass man als Musikkonsument auf sein eigenes Herz und sein Gefühl hören sollte, bevor man Künstler beurteilt! Ich glaube auch, dass die Masse nicht ganz frei von Marketingstrategien ist. Ansonsten:
Seid nett zueinander, seid keine Youtube-Nazis;-)


Marcus, ich danke dir sehr dafür, dass Du dieses Interview so kurzfristig und vor allen Dingen inmitten der laufenden Tour möglich gemacht hast. Du hast unseren Lesern einen interessanten Einblick in das Leben eines erfolgreichen Künstlers gewährt. Ich wünsche Dir und Deiner Band viel Erfolg mit ORGANIC PILL und weiterhin alles Gute für die laufende Tour!


 
 
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