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Volle Ladung auf die Lauscher
 

G e g e n   d e n   S t r o m : Übersicht

Autor:
 J.G., 12.02.2008

Volle Ladung auf die Lauscher

...aber anders als man denkt...

Es klingelt, es piepst, ein netter Herr sagt ein Sprüchlein auf, verflixt, wo sind die letzten Minuten... und toll, wo fängt denn das Lied an und wo hört es auf? Ups, wir sind schon bei Track 78, wie die Zeit vergeht...
Ach verflixt, ich muss ja noch das Antwortfax für meine persönliche Kopie mit individueller Registrierungsnummer abschicken, sonst gibt's keine...

Was erleben wir gerade?
Die neue Promo im CD-Player?
Oder den hürdenreiche Weg bis dorthin?
Richtig!

Es ist inzwischen keine Ausnahme mehr, dass Promos seitens einiger Label nahezu untestbar verstümmelt werden. Manche nehmen sich etwas zurück und beehren den geneigten Tester mit Ansagen, die ihn darauf hinweisen, dass es ein Silberling "For Promotion only" ist.
Manche setzen eins drauf und kürzen ihre Songs mit wilden Fade-outs und Fade-ins, dass man kaum noch mitbekommt, wo der eine Song endet und der nächste beginnt.
Apropos Beginn und Ende, auch eine Songlänge muss manchmal erst hart erarbeitet werden und setzt Taschenrechner voraus, wenn das Promo-Scheibchen mal wieder in 99 Tracks zerstückelt wurde. Servicefreundliche Label schicken dann wenigstens einen Hinweis mit, dass sich diesmal Track 1 von Block 01-17 erstreckt.
Ungemütlich wird es dann, wenn der Silberling seinen Dienst im PC verweigert. Wer kommt aber auch auf die Idee, die CD auf dem PC abzuspielen, wo man auch das Review verfassen will. Das sind doch nur Freaks.
Ok, dann eben im Auto auf dem Weg zum Konzerttermin. Denkste, das Ignorieren des Red-Book-Standards zu Gunsten eines Kopierschutzes lässt den etwas sensibleren Player im Auto die Fütterung mit "Error" quittieren.
Ach erwähnte ich, dass sich manche Label gedacht haben, so ein kurzes Telefon-Klingeln alle 30 Sekunden würde nicht stören? Nun ich würde diesen Kleingeistern einfach wünschen, dass man sie 12 Stunden zwingt so eine CD zu hören und wenn danach keine bleibenden psychischen Schäden geblieben sind, dann werde ich meine Meinung nochmals überdenken.

Man kann sich vermutlich vorstellen, so langsam ist die Toleranzschwelle des Testers voll ausgeschöpft, der eigentlich gespannt war, auf die Töne, die da aus den Boxen tröpfeln und sein Review schreiben wollte.

Wen wundert es, dass der Test schlechter ausfällt, wie er eigentlich sollte, wenn er überhaupt zustande kommt. Tester sind nun einmal Menschen und möchten nicht unnötig mit nervenden Randerscheinungen kämpfen, sondern sich auf das Wesentliche, die Musik, konzentrieren.

Was hat dazu geführt, dass man manche Promo-Exemplare als untestbar in die Rundablage unter dem Tisch werfen muss?

Sind es die bösen Legionen der illegalen Kopierfraktionen?

Nein, leider ist das Problem hausgemacht. So lange es übereifrige Redakteure gibt, die unter Missachtung ihres Privilegs, dem Vorab-Hören eines neuen Albums, auf die Idee kommen das Material vor der Veröffentlichung im Netz zu verbreiten, bleibt leider wenig Handlungsspielraum.
Und wie das wieder mal so ist, muss die Masse ehrlicher Tester leiden, weil sich ein paar wenige Wichtigtuer profilieren möchten. Wenn ich an dieser Stelle die Label bei Gegenmaßnahmen auch gerne aktiv unterstütze, so gibt es jedoch einfach Grenzen.

Ich kann z.B. nicht für jede der rund 1.000 CDs, die allein 2007 auf unseren Redaktionstischen gelandet sind Antwortfaxe mit persönlicher Unterschrift an Agenturen verschicken. Ich kann auch nicht jegliche Art akustischer Verhunzung der Musik tolerieren. Wie soll ich Progressive Metal testen, wenn mehrere Minuten fehlen und willkürliche Fades die Songs verstümmeln? Wie soll ich mich auf Musik konzentrieren, wenn alle 30 Sekunden ein Telefon bimmelt?

Es gilt also an dieser Stelle geeignete Maßnahmen zu finden, die einerseits das Testen nicht stören und andererseits das Auffinden illegaler Spreader ermöglichen.
Interessieren würde mich nur, ob bei diesen illegalen Verteil-Aktionen wirklich der gerne zitierte Schaden für die Gesellschaften entsteht oder ob der Werbeeffekt nicht den Kauf ankurbelt. Aber das ist ein anders Thema.

Kostensparen um jeden Preis?
Nun, das ist sicherlich auch eine Möglichkeit. Man verzichtet darauf Promo-CDs zu pressen und zu verschicken. Auch die nett aufgemachten bunten Flyer mit den nötigsten Infos zur Band kosten Geld. Und dann auch noch die Kosten für Porto, Verpackung und der Aufwand mit dem Versand...
Weg damit! Für was gibt es Internet? Sollen sich doch die verwöhnten Tester auf eigene Kosten an die PCs setzen und stundenlang gigabyteweise MP3-Songs herunter laden, um diese zu testen. Die haben sowieso alle DSL-Anschlüsse und genügend Zeit aus Dutzenden Internetseiten die Songs zusammenzusuchen.
Und wenn das Material nicht oft genug herunter geladen wird, wer weiß, ob es dann acht Wochen später wirklich einen Silberling geben wird?

Und immer nur am Rande behandelt bzw. völlig ignoriert wird ein für mich wesentlicher Faktor ausgeschlossen. Frage an die Fachleute: Was haben in der Regel JPG-Bilder und MP3-Songs gemeinsam?
Richtig, es sind beide abhängig vom Komprimierungsfaktor mehr oder weniger stark verlustbehaftete Datenformate. Dort, wo es bereits bei digitalen Datenträgern mit herkömmlichen Red-Book-Standard-Musikdaten (WAV) eng wird, wenn es um Dynamik und Klangqualität geht, setzen MP3-Algorithmen noch eins drauf. Denn handlich werden die Songs nur dann, wenn man überflüssige Daten einfach weg wirft. Fakt ist, dass auch bei bester Quantisierung und höchster Bitrate die Unterschiede zwischen MP3 und WAV für geübte Ohren hörbar sind.
Klar spielen hier die Billig-Ohrstöpsel und 10.-Euro-MP3-Player der Musikindustrie in die Hände, denn auf Qualität ausgerichtet sind diese Produkte wohl kaum. Da ist "in sein" und immer den neuesten Klingelton parat haben wichtiger, als qualitativ anspruchsvolle Musik.

Wie soll ich aber dann die aus dem Netz gezogenen MP3-Songs nach qualitativen Kriterien bewerten? An meiner Stereo-Anlage macht es jedenfalls keinen Spaß, sich schrottiges MP3-Geleier, das man mühevoll kopiert, konvertiert und auf selbst gekaufte CD-Rohlinge gebannt hat, rein zuziehen. Da sage ich dann eben Nein, danke! Und ohne buntes Booklet ist der Test sowiso nur halb so prickelnd.

Jedenfalls ist Fakt: Wenn nicht baldigst eine sinnvolle Lösung gefunden wird, so sehe ich auch für uns nur eine Möglichkeit, untestbare Promos zu ignorieren und die MP3-Songs aus ökonomischer und ökologischer Sicht unberührt dort zu lassen, wo man sie im Netz abgelegt hat. Vielleicht kauft jemand aus dem Team die CD irgendwann selbst und schreibt dazu ein Review. Wenn nicht, Pech gehabt, dann gibt es eben auch keinen Test und damit auch keine Werbung.

Ich habe deshalb noch lange keine Befürchtung, dass uns die Arbeit ausgehen wird. Glücklicherweise verzichten viele Labels auf diese beschriebenen Methoden und setzen immer noch auf Vertrauen.

Leid tun mir nur die Bands, deren oftmals mit viel Herzblut produziertes Material durch unangemessene Kopierschutz-Funktionen keine Erwähnung finden wird.
Letztendlich zahlt die Zeche natürlich auch der musikinteressierte Verbraucher (wer sonst), der sich sowieso über gestiegene Preise nicht mehr wundert. Egal ob Benzin, Mehl, Strom, Butter oder CDs, alles wird teurer, der Dollar zum Spielgeld und der Euro zum Luxusgut...

Ob drei, vier neue CDs oder ein voller Tank Super Plus, nun diese Frage stellt sich nicht, denn für den Weg zur täglichen Arbeit brauche ich ein Auto. Dann lasse ich eben das Scheibchen im Regal und mit etwas Glück sind sie in einem halben Jahr bezahlbar.

Ein frohes Schaffen an meine Kollegen
 
 
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