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Konzertbericht
 

Colos-Saal, Roßmarkt, Aschaffenburg
Samstag 10.04.2010

Bands: Winger, Five And The Red One

Winger sehen und sterben, das könnte das Motto für diesen frühlingshaften Samstagabend gewesen sein. Aug' in Auge mit den Helden seiner Jugendtage, das hat wirklich das gewisse Etwas. Dann ist kein Weg zu weit, um auch mal einen weiten Abstecher ins Fränkische zu unternehmen. Seit 2006 sind die "Dream Theater des Hair Metal" wiedervereinigt, und da sie sowieso ziemlich selten auf europäischem Boden auftreten, war es eigentlich Pflicht, sich von den Live-Qualitäten der US-Hardrocker vor Ort zu überzeugen. Zumal sie auch noch ihre neue Platte KARMA für die Fans im Gepäck hatten.


Five And The Red One
Der Support machte von Anfang an kein Hehl daraus, dass er hier nur der Anheizer für den Hautpact sei und outete sich als großer Winger-Verehrer. Natürlich wartete man im Publikum sehnsüchtigst auf die Jungs aus Amiland, spendete aber trotzdem höflichen Beifall. Als Personalchef hätte man ihnen ins Stammbuch geschrieben, dass sie stets bemüht waren, aber dass war ja als Newcomer trotz zweier CDs im Schlepptau absolut kein Wunder. Ihre Versuche, trotzdem bei dem einen oder anderen Song für Stimmung zu sorgen, goutierte der Saal noch mit dem nötigen Mitklatschen. Die Baden-Württemberger waren aber mit ihrem modern angehauchten Retro-Rock als Appetitanreger für unsere New Yorker Wunderknaben letztlich ein Fehlgriff. Andererseits führte das zu sehr moderaten Ticketpreisen.


Winger
Winger
Als Rod Morgenstein als erster die Bühne enterte und schnurstracks zum Drum-Set schwenkte, hätte man nicht gedacht, dass hier einer der profiliertesten Jazzdrummer der Gegenwart Aschaffenburger Erde betrat, so unspektakulär wirkte der kleine Mann im T-Shirt, dass man ihn für einen Roadie halten konnte. Kip Winger folgte ihm im Stile einer coolen Rampensau, dass man den Eindruck hatte, er käme mit seiner blau getönten Sonnenbrille geradewegs vom kalifornischen Sandstrand. Spielfreudig und gutgelaunt begann die Truppe mit "Stone Cold Killer" vom aktuellen Longplayer. Die anfängliche Zurückhaltung schwenkte dann nach den ersten Takten des Meilensteins "Blind Revolution Mad" aber in überschwängliche Begeisterung um. Von Anfang an präsentierte man ein perfekt aufeinander abgestimmtes Zusammenspiel und auch die halbstündige Umbaupause hatte sich gelohnt. Die Techniker machten einen hervorragenden Job, denn der Sound war einfach 1-A.
Winger
Das Axtschwinger-Duo John Roth/Reb Beach überraschte mit einer kompromisslosen, aggressiven Distortion-Wand, die anscheinend alle Kritiker dieser Gruppe Lügen strafen wollte. Das war kein Abend mehr für altgewordene Poser in zu engen Spandexhosen, aber die weiblichen Gäste ergriffen deshalb noch lange nicht die Flucht. Dem Quartett gelang gekonnt der Brückenschlag von den radiotauglichen Klassikern der ersten beiden Veröffentlichungen über die kantiger produzierten Nachfolger bis hin zum aktuellen Opus. Für das Auditorium hatte die Setlist einfach Hand und Fuß.
Winger
Einerseits gab es mit den Smash Hits "Easy Come, Easy Go" und "Can't Get Enuff" sowie dem progressiv-melancholischen "Rainbow In The Rose" eine überzeugende Reminiszenz an die gute alte Hochzeit des Poserrocks. Das sperrige "Your Great Escape" von der IV leitete andererseits die konsequente Fortführung des Stilwechsels von PULL ein, der nun im taufrischen KARMA in das eingängige "Deal With The Devil" und den Ohrwurm "Pull Me Under" kulminierte. Bei vier so professionell ausgebildeten Künstlern waren ein Schlagzeug-Solo von Morgenstein und eine Einzeleinlage von Beach geradezu obligatorisch. Zwar wurden Winger nur von der vorderen Hälfte der Zuhörer frenetisch gefeiert, während der Rest durchaus reserviert und passiv blieb. Das konnte aber den starken Auftritt des Headliners nicht trüben, der den Anwohnern der Fußgängerpassage in Clubnähe sicherlich einen unruhigen Feierabend verschafft hatte.


Fazit: Einfach Colos-Saal, was Winger hier für einen Gig ablieferten - im wahrsten Sinne des Wortes. Für den Melodic-Rock-Liebhaber sicherlich etwas zu heftig, aber KARMA hatte schon angedeutet, dass es wohl auch on stage in Richtung Heavy Metal gehen würde. Doch trotz des grandios lauten Parforce-Ritts auf der Schwermetallschiene gab es noch genügend verträumte Passagen aus der AOR-Vergangenheit der beiden Platinalben zu hören. Nach all den Negativ-Kampagnen in den Medien der Neunziger zur persona non grata erklärt, zeigte sich die Band erstaunlich gereift und hat mit der härteren Gangart, die immer noch innovative Einsprengsel und genügend Gefühl aufweist, wohl endlich ihre ganz eigene musikalische Identität gefunden. In dieser Topform kann sie gerne wieder nach Deutschland kommen und gnadenlos die Bude rocken.

    C.L. 10.04.2010
    Fotos von Carsten Löffler

 
 
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