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Review: Athem
 
Athem - THE EXTENDED MIND

Album:
 THE EXTENDED MIND, 2011, Dust On The Tracks

Stil:
 Progressive Rock, Metal

Wertung:
 6 von 7
6 von 7 Punkten
 U.B., 25.07.2012

Review:
 Ein junges Quintett aus Amerika, genauer aus New Jersey schickt sich an im Bereich Progressive Metal Fuß zu fassen. Mit THE EXTENDED MIND erschien 2011 das Debüt der Band. Beim Blick in das gut gemachte Booklet konnte ich mir ein Stirnrunzeln beim Anblick des Bandfotos nicht verkneifen, mein Gott sind die noch jung ging es mir durch den Kopf. Nun ist Progressive Rock und Metal ja ein Stil der wegen der anspruchsvollen Arrangements meist von “reiferen” Musikern gespielt wird. Da wuchs direkt die Spannung auf das, was mich auf dem Album erwartet. Ich nehme er mal vorweg, was die Jungspunde und Milchgesichter direkt mit ihrem Debüt abliefern zollt mir höchsten Respekt ab. Will Shaw Vocals, Shawn Baldissero und Louis Vasile an den Gitarren, Mike Haas Bass und Alex Gonzales Drums ist die momentane Besetzung der Band. Zur Verstärkung hat man sich noch der Mitarbeit von Keith Eliot versichert der Gitarre und Keyboard beisteuert. Das Cover ziert der Vitruvianische Mensch von Leonardo da Vinci, sehr passend für ein Progressive Rock- und Metal Album wie ich finde, zumal das Dargebotene in seiner Komplexität und Vielfalt tatsächlich für eine musikalische Bewusstseinserweiterung sorgt. Und wie der Mensch auf der Zeichnung von Da Vinci perfekt in so gegensätzliche Formen wie ein Quadrat und einen Kreis passt, so funktioniert die Musik von Athem vorzüglich trotz (oder vielleicht sogar wegen) der Verknüpfung von auf den ersten Blick nicht miteinander kompatible erscheinender Stile.

Den Anfang macht ein kurzes Stück was passend "Overture" heißt und mit orchestralen Klängen mit Piano, Streichern und Flöten nicht nur beim Titel Anleihen bei der Klassik macht. Diese Einleitung stimmt prima darauf ein was im weiteren Verlauf folgt.
Bei "Fallen God" branden die Gitarren auf unerbittlich angetrieben von den energischen Drums. Neben den Stakkato artigen Riffs fällt die angenehme Gesangsstimme auf die sich vornehmlich in mittleren Tonlagen bewegt mit gelegentlichen Ausflügen in große Höhen. Es handelt sich um einen sehr intensiven Song der bei aller Komplexität die Melodie nicht vernachlässigt und somit recht eingängig gestaltet wurde. Hier wird von ausuferndem Bombast bis zu ruhigen Momente mit Akustikgitarre so ziemlich alles geboten, ein Prog Song wie aus dem Lehrbuch.
Am Anfang sehr verspielt, modern und popig kommt "Away" daher. Dann erfolgt ein sanfter Übergang zu einer getragenen Melodie mit zahlreichen energischen Eruptionen. Der Wechsel von verhaltenen Abschnitten und fulminant wirbelnden Gitarren zieht sich durch den ganzen Track. Die ausdrucksstarken Vocals sind ein weiteres Highlight.
Mit "Prince of Lies" wartet das wohl anstrengendste Stück des Albums auf seine Hörer. Nach sphärischen Keyboard Klängen entwickelt sich ein unsteter Song von unzähligen Tempo- und Rhythmus Variationen durchzogen werden hier verschiedenste Stile verknüpft. Meiner Meinung nach hat man an dieser Stelle zu viel gewollt und ist über das Ziel hinausgeschossen, eher für hartgesottene Prog Hardcore Fans.
Nach diesem ziemlich sperrigen Song geht es bei "Wake up screaming" viel eingängiger zu. Zu Kirchenglocken und den Schreien von Möwen fällt der Start weich und ruhig aus. Doch plötzlich brechen die Instrumente wie eine Gewitterfront über den Hörer herein. Es gelingt nur wenigen Bands aus so vielen Versatzstücken und einem wilden Stilmix so eine schlüssige Nummer zu gestalten. Die Verschmelzung von typisch verspielten Prog Elementen mit betont melodischen Einschüben ist hervorzuheben bei diesem teils balladesken Stück.
Auch "Enigmatic Reverie" ist eine wahre Wundertüte an Einfällen und konsequent umgesetzter Ideen. Leiser Gesang unterlegt mit dezentem Piano wird hinweg gefegt von beinahe explodierenden Instrumenten. Hier regiert Prog in Reinkultur, munter sprudelnde Passagen werden unterbrochen von lyrisch breiten Klangteppichen. Bei mehr als 12 Minuten fehlt auch ein Ausflug in psychedelische Sphären nicht bevor man von den Gitarren und dem wirbelnden Schlagzeug aus den Träumen gerissen wird.
Bei "Merciless Eyes" stand Pink Floyd Pate. Der wunderbare David Gilmore Gitarren Sound und die einfühlsamen Vocals erinnern anfangs an den Song "Brain Damage" von dem Meisterwerk DARK SIDE OF THE MOON. Die sanft schmeichelnden Keyboards strahlen viel Ruhe aus. Ab der Mitte erhält das Stück eine melancholisch nachdenkliche Atmosphäre bis unvermittelt die große Instrumentalkeule ausgepackt wird und Gitarren und Drums um die Wette eifern.
Das Titelstück "The Extended Mind" ist das vielleicht härteste des Albums. Sehr hart und schnell geht die Band hier zu Werke. Der gekonnte Stilmix aus den vorangegangenen Tracks findet sich auch hier. Am markantesten ist ein kurzer jazziger Abschnitt in der Mitte.
Mit "Lifting the Veil" bläst Athem zum großen Finale. Groß in mehrerer Hinsicht, sei es die Länge von über 15 Minuten, die teils bombastische Instrumentierung oder die Vielfalt. Der Start hat erneut einige musikalische Pink Floyd Gene. Später schneiden die Gitarren im harten Kontrast zu den weichen Vocals und den Keyboard Streichern. Da frickeln die Gitarren in schwindelerregendem Tempo angetrieben von den Drums im Turbo- Gang. Der Song wirkt auf mich wie ein ständiger Kampf zwischen Gut und Böse, zwischen sanften und brachialen Parts. Athem nimmt uns mit auf eine Reise durch eine schillernde Prog Welt mit vielen Ecken und Kanten, da werden leicht chaotisch erscheinende Stellen in Melodie betonte Fragmente aufgelöst die einen staunen lassen. Die Schlussakkorde besitzen dann deutliche Anleihen bei der klassischen Musik.

Fazit: Wie bereits eingangs gesagt, Athem machen ihre Sache ausgesprochen gut. So ein Album hätte ich von Newcomern ganz bestimmt nicht erwartet. Die Songs zeugen von hoher musikalischer Reife und besitzen eine überzeugende Musikalität. Klar sind die Dream Theater Einflüsse nicht von der Hand zu weisen, auch Yes und eine Priese Pink Floyd dienten als Anleihe, aber die Band pflegt doch eine eigene Note. Sich an Genre-Größen zu orientieren kann ohnehin nicht schaden. Das gebotene Spektrum reicht von nachdenklichen, leicht melancholischen Songs bis zu verschachtelten mit Bombast unterlegten Tracks von epischer Breite bei der alle Facetten des Progs gekonnt ausgeleuchtet werden. Inzwischen habe ich die Scheibe schon häufig gehört und obwohl ich weiß was mich erwartet, bin ich immer wieder erstaunt, welche Bandbreite Athem hat. Beim ersten mal wird man beinahe vom Bombast und der symphonischen Dichte erschlagen, dafür wächst das Album dann mit jedem erneuten Durchlauf. Ausreichend Muße und Zeit sei jedem Hörer der sich auf Athem einlässt angeraten, es bedarf schon Konzentration und ein wenig Geduld. Zum mal nebenbei hören sind die Songstrukturen viel zu vertrackt. Das besondere sind die schönen Melodien die den Stücken von Athem besonderen Glanz verleihen. Es ist wie bei einem guten Glas Wein, das muss man genießen und schüttet es nicht so nebenbei in sich hinein. Die Produktion ist ohne Makel und mit einer Laufzeit von über 66 Minuten werden selbst verwöhnte Prog Fans reichlich bedient. Den Namen Athem wird man sich merken müssen und darf gespannt sein was von dieser Band in Zukunft noch so alles kommt. Eins steht fest, für ein Debüt eine ganz starke Vorstellung.

Anspieltipps:
 “Fallen God”, “Away”, “Wake up screaming”, “Enigmatic Reverie”, “Mercyless Eyes”.

Tipp:
 Wer Progressive Rock und Metal zu seinem bevorzugten Musikstil zählt dürfte an THE EXTENDED MIND viel Freude haben. Durch eine bei den meisten Stücken gute Eingängigkeit sei die Scheibe aber auch den Leuten ans Herz gelegt die nicht zu den ausgesprochenen Progis zählen und nur auf anspruchsvolle, bombastische Musik stehen.

Titel-Liste:
 
  1. Ouvertüre
  2. Fallen God
  3. Away
  4. Prince of Lies
  5. Wake up screaming
  6. Enigmatic Reverie
  7. Merciless Eyes
  8. The extended Mind
  9. Lifting the Veil

Laufzeit:
 66:35 Min.

Band-Infos:
 
  • www.myspace.com/athem 

  • Probehören und Kaufen:
    Athem: THE EXTENDED MIND


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