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Review: Avantasia
 
THE SCARECROW

Doppelschlag:
 Ein Album - zwei Meinungen: M.H. (6/7) | D.K. (6/7)

Album:
 THE SCARECROW, 2008, Nuclear Blast

Stil:
 Melodic Metal, Hard Rock

Wertung:
 6 von 7
6 von 7 Punkten
 M.H., 23.02.2008

Review:
 Tobias Sammett und seine Hauptband Edguy sind den meisten hier bekannt, denke ich. Edguy spielen vornehmlich sehr melodischen Power Metal, aber auch melodischer Hard Rock ist bei Edguy oft zu hören. Es begab sich im Jahr 2001, dass Tobias Sammett eine neues Projekt auf die Beine stellte - Avantasia. Dort versammelte er namenhafte Gastmusiker und setzt voll auf symphonischen Bombastmetal. Nicht umsonst hatten die ersten beiden CDs den Untertitel "The Metal Opera."

Nun liegt mit SCARECROW also schon die 3. CD des Projekts vor und diesmal sucht man den Untertitel Metal Opera vergebens. Und das mit gutem Grund - der Sound von der neuen Avantasia-CD klingt ganz anders. Nicht mehr so bombastisch und vor allem auch nicht mehr so symphonisch. Und die Gastmusiker sprechen mal wieder für sich - hier treffen sich ein Bob Catley, ein Michael Kiske, ein Alice Cooper und noch viele mehr. Alleine die Namen sprechen für sich und lassen auf eine hohe Qualität hoffen. Tobias Sammett wollte einfach mal mit einigen neuen Einflüssen expermentieren und nahm sich dafür sein Sideprojekt, wohl weil das bei Edguy nicht so ganz passte. Schon der Opener "Twisted Mind" klingt irgendwie nach einer Geschichte aus 1001 Nacht, das heißt das Arrangement ist orientalisch gehalten. Insgesamt hört man aber doch eine klassische Hard Rock - Nummer, die nicht weit von Edguy entfernt ist.
Das ist bei dem nachfolgenden Titeltrack "The Scarecrow" doch ganz anders, da eröffnet ein irisches Folkintro den Song, während ein an "We will rock you" erinnender Drumlauf im Hintergrund zu hören. Und trotzdem ist das erneut ein typischer Sammet-Song, also eine lupenreine Rockhymne, die verdammt eingängig gehalten ist. Die Länge von knapp 12 Minuten sorgen trotzdem für eine angenehme Abwechslung und machen den Song einfach zu einem Highlight.
Es geht aber auch ab und an etwas rockiger zur Sache, da wäre z.B. der schnell eingespielte Power Metal - Song namens "Shelter from the Rain" oder das aggresiv klingende "Devil in the Belfry". Die CD kann da genauso punkten wie auch bei den radiotauglichen Songs "Carry me over" oder "Lost in Space".
Doch gerade die modernen Einflüsse auf der CD sind das berühmte Salz in der Suppe - das macht THE SCARECROW einfach so interessant und spannend. Man höre nur mal das düster angehauchte "The Toy Master" - das wahrlich nicht mehr viel mit der Metal Opera Avantasia zu tun.
Die Abwechslung macht es halt diesmal, denn die klassischen Nummern wie das auf Speed Metal getrimmte "Another Angel down" oder die beiden Balladen "What Kind of Love" (bittersweet mit herrlichem weiblichen Gesang) bzw. "Cry just a little" (grandioser Ohrwurm, der vor allem durch die Stimme von Bob Catley eine Gänsehaut erzeugt) überzeugen genauso wie die Songs, die moderner arrangiert sind.

Fazit: Trotzdem kann ich nicht die volle Punktzahl zücken, da hier und da sich nach ein paar mal Hören leichte Abnutzungserscheinungen breit machen. Aber die sind eher maginal und wenn man so will ist das Jammern auf höchstem Niveau.

Anspieltipps:
 "The Scarecrow", "Another Angel down", "Cry just a little", "Lost in Space"

Tipp:
 Fans vom klassischen und vor allem melodischen Hard Rock, der mit einer gesunden Portion Power Metal versetzt wurde dürften hier ihre helle Freude haben. Zugreifen!




Wertung:
 6 von 7
6 von 7 Punkten
 D.K., 27.02.2008

Review:
 THE SCARECROW... ein Album das es gar nicht geben dürfte. Sollte doch mit den ersten beiden Avanasia Alben die Story durch sein. Und hier kommt ein Aber! Die Story ist auch abgeschlossen. Dieses Album behandelt eine ganz andere Geschichte, die sich nach der Rettung des Landes Avantasia durch den jungen Mönch Gabriel zugetragen haben könnte. Es könnte die Geschichte eines Bewohners von Avantasia sein, der anders ist als alle anderen.
Laut Beschreibung der CD ist es ein Mensch, der Dinge anders wahr nimmt als alle anderen um ihn herum, wie es z.B. auch bei Autisten der Fall ist. Eingeschlossen in seiner eigenen Welt, keiner versteht ihn. Vor gar nicht allzu langer Zeit wurden diese Menschen noch als Verrückte in die Irrenanstalt gesperrt. Es wird auch gemunkelt, dass dieses Album zum Teil biographisch sein soll. Dann kommt der Gedanke mit dem Autisten aber nicht hin. Das Schicksal der Autisten teilten aber auch noch andere Menschen: der Fachausdruck ist Synästhesie. Auch diese Menschen leben in oder mit einer anderen Wahrnehmung. Hauptmerkmal ist z.B., dass Töne als Farben wahrgenommen werden, die Farben dann als Gefühle. Die berühmtesten Vertreter hierzulande, dürften Jimi Hendrix und Jürgen Domian (ja, der aus dem Radio) sein. Liege ich damit richtig? Ich weiß es nicht. Vielleicht ist der Held der Story "nur" Schizophren? Im Booklet heißt es, die Geschichte wäre Tobis Version des "Faust".
Vielleicht bekomme ich ja mal die Gelegenheit Tobi danach zu fragen.

Die Charaktere:
Roy Khan ist der Psychiater; Jorn Lande ein zynischer Mephisto; Amanda Somerville die unerwiederte Liebe unseres Helden; Bob Catley ist der gute Geist im Innern; Micha Kiske als eine Art "Übermensch", der den Protagonisten zum ersten Mal in seinem Leben nicht als Vogelscheuche bezeichnet; Alice Cooper als "unheimlicher Erlöser" und Olli Hartmann als die Unzucht.

Diese Einleitung mag ein wenig dabei helfen meine Review zu verstehen.
Nun aber zum Album:

Der Opener "Twisted Mind" klingt ein wenig wie ein Klagelied eines Menschen, der sich unverstanden fühlt. Die Gitarren klingen wie eine Mischung aus Verzweiflung und Wut. Wie heißt es im Text? "Wir zeichnen alles in Schwarz oder Weiß und du bist das Schmutzige in der Mitte."... "Verdrehtes Hirn... Monstrosität der Natur... du passt nicht zu uns."
Dann kommt der Titeltrack. "The Scarecrow" macht mir bewußt, dass wir immer noch in Avantasia sind. Die Story spielte um 1600 und auch dieser Song passt dazu.
Dieser Song kommt etwas hoffnungsvoller daher. Der Held der Geschichte scheint langsam zu verstehen was mit ihm los ist und zu akzeptieren. Aber er ist ja immer noch anders als die anderen um ihn herum. Er möchte sich gerne verlieben und geliebt werden. Aber wer will ihn schon? Sie schauen ihn an als wäre er vom Teufel besessen. Kitschig? Ja, na und? Der Track hat eine Laufzeit von 11:11 und ist wie geschaffen für Sammet, Lande und Kiske.
"Shelter from the Rain" – Der Held sagt: "Ich laufe wie ein Rad. Funktioniere einfach, aber dazu gehören werde ich nie." Der Sound ist schneller, der Song strahlt Kraft aus. Kiske kanns immer noch. Für unseren Helden werden die Töne und Stimmen zu Liedern. Sie werden zum Schutz vor der Kälte, vor dem Regen.
"Carry me over" – Den Song kennen wir vom Video und der EP: Eine Halbballade, die auch von Bon Jovi hätte kommen können. Charttauglich. Passt aber ins Konzept.
Ist er endlich verliebt? Er scheint aber nicht an die Dame heranzukommen. Sie sieht ihn nicht, nimmt ihn nicht wahr.
Bei "What Kind of Love" hören wir jetzt auch zum ersten Mal Amanda Somerville. Der Song ist eine richtige Ballade. Bläser, Geigen, alles dabei. Ein Dialog zwischen zwei Menschen, die sich nicht sehen. Sie sagt: "Deine Liebe ist an mich verschwendet. Du musst nur lernen zu fühlen, dann ist dir geholfen."
Halbzeit mit "Another Angel down" – Tobi und Jorn im Duett. Der Song ist fast 1:1 Edguy und würde auch auf deren Alben passen.
Sie haben ihn zum Sterben zurückgelassen. Sinnt er auf Rache? Er scheint jetzt genauer in sich reinzuhören, sich und seine "Gabe" verstehen zu wollen und zu kontrollieren.
Und nun kommt "The Coop" Alice Cooper ins Geschehen. "The Toy Master" ist dem Meister auf den Leib geschrieben. "Der Erlöser", der eher ein "Verführer" ist. "Kommt doch rein und schaut euch um Jungs und Mädels. Ich bin der Meister des Spielzeuge. Ich mache euch glücklich, ich habe alles was ihr wollt, sogar Drogen (Novocaine) Verkauft mir eure Seelen und ich mache euch glücklich." Der Held erkennt, dass nicht er der arme Kranke ist, sondern die Menschen um sich herum. Sie sehen die Welt eindimensional und sind vielleicht sogar ein bisschen neidisch auf ihn? Der Song wirkt auf mich leicht schadenfroh. Unser Held rächt sich auf seine Weise an denen, die ihm schaden wollten.
"Devil in the Belfry" ist wieder ein klassischer Powermetal Song in gewohnter Manier. Der Held hat es zur Berühmtheit gebracht, er wird bewundert. Er hat die Macht. Er ist der "Teufel im Turm". Er steht über allen.
Mit "Cry just a little" sind wir beim drittletzten Song angekommen. Die Geschichte neigt sich dem Ende zu. Ein sehr ruhiger (trauriger?) Song. Sascha Peath mit akustischer Gitarre und Bob Catleys stimmlicher Unterstützung. Da ist plötzlich Sie wieder. Er scheint an ihr zu zweifeln. "Warum weinst du nicht um mich? Warum lügst du mich nicht wenigstens an?"
Vorletzter Song: "I don’t believe in your Love" – Vorbei. "Ich glaube nicht an deine Liebe." "Sie zu lieben heißt sterben. Sie zu lieben heißt Schmerz." Ein powergeladener Song, der Wut und Verzweiflung spüren lässt.
Die letzte Nummer "Lost in Space" kennen wir auch von der EP. Klassischer Hard Rock. "Und wieder ist ein Stern vom Himmel gefallen, ein Funke in der Kälte erloschen. Wie konnte ich wissen, dass ich verloren sein würde, verloren in zeit und Raum. Ich werde die Dämonen die ich rief nicht mehr los sie ziehen mich hinweg."

Fazit: Ich weiß nicht, ob ich mit meiner Interpretation richtig liege, oder ob ich komplett in den müffelnden Topf gegriffen habe. Vielleicht liegt die Geschichte auch ganz anders? Auf jeden Fall ist es ein schönes Stückchen Musik, dass ich jedoch nicht als "Metal-Oper" sondern eher als "Metal-Musical" sehen würde. Für eine Oper fehlt mir der Bombast.

Tipp:
 Nehmt euch unbedingt das Booklet zum Hören dazu.

Titel-Liste:
 
  1. Twisted Mind
  2. The Scarecrow
  3. Shelter from the Rain
  4. Carry me over
  5. What Kind of Love
  6. Another Angel down
  7. The Toy Master
  8. Devil in the Belfry
  9. Cry just a little
  10. I don't believe in your Love
  11. Lost in Space

Laufzeit:
 63:54 Min.

Probehören und Kaufen:
Avantasia: The Scarecrow (Ltd. Ed. CD+DVD)

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