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Review: Dream Theater
 

Album:
 METROPOLIS PT II SCENES FROM A MEMORY, 1999, Elektra

Stil:
 Progressive Metal

Wertung:
 6,5 von 7
6,5 von 7 Punkten
 U.B., 13.02.2008

Review:
 Lange habe ich überlegt ob ich mich an ein Review des Meisterwerks von Dream Theater aus dem Jahre 1999 wagen sollte. Zu komplex, Musik und erzählter Hintergrundstory betreffend, erschien mir das Ganze. Nun glaube ich aber mit einer verknüpften Besprechung von Musik und Lyrics einen gangbaren Weg gefunden zu haben der, so hoffe ich, dem monumentalen Album zumindest ansatzweise gerecht wird. Anders als sonst gehe ich ausführlicher auf die Texte ein, da sie mit der Musik eine Einheit bilden und einen Teil der Faszination ausmachen die von diesem Werk ausgeht.

Der Vorgänger FALLING INTO INFINITY stand unter massiver Einmischung des Labels und brachte den erfolgsverwöhnten Prog Metallern zum ersten Mal in ihrer Karriere reichlich Kritik ein. Zu selbstverliebt und mit überzogener Selbstdarstellung was die ausufernden Soli betrifft, waren nur einige der angeprangerten Punkte. Auf SCENES FROM A MEMORY präsentiert sich die Band wieder als Einheit die ein bis ins kleinste Detail ausgearbeitetes Konzeptalbum vorlegt mit einer dichten Story die auch gut als Drehbuch für einen Psycho- Thriller dienen könnte. Ohne kommerzielle Fesseln der Plattenfirma ist die alte Spielfreude in jedem Song spürbar, fast wie ein Befreiungsschlag. Schweres Geschütz hat das Traum Theater aufgefahren, direkt in zweierlei Hinsicht. Zum einen die Musik, die mit mehreren Stücken jenseits der 10 Minutengrenze viel Spielraum (im wahrsten Sinne des Wortes) für die Dokumentation der technischen Ausnahmestellung der Musiker bietet, auf der anderen Seite die Lyrics die die Geschichte eines jungen Mannes (Nicholas) erzählen, eine Reise in die Vergangenheit inklusive Reinkarnation, psychischer Abgründe, einer tragischen Liebesgeschichte und Mord.
Nach dem Weggang von Tastenmann Derek Sherinan ist erstmalig Jordan Rudess an den Keyboards dabei, der sich nicht nur problemlos integriert sondern auch im technischen Können seinem Vorgänger in allen Punkten mindestens ebenbürtig ist. Das Part II im Albumtitel deutet darauf hin, dass es da schon einen ersten Teil gab. Auf IMAGES AND WORDS, dass ich jedem Proginteressierten bei dieser Gelegenheit nur wärmstens empfehlen kann, findet sich der Song "Metropolis Part I". Ursprünglich war von Seiten der Band nicht an einen zweiten Song oder gar an ein komplettes Album gedacht worden, der Zusatz Teil 1 war ein Scherz. Als aber von den Fans vermehrt nach einer Fortsetzung verlangt wurde, entschloss man sich dem Wunsch in dieser Form nachzukommen. Mit einer Spieldauer von 77 Minuten ging man auch was die Länge betrifft nahe an die Grenze des technisch Möglichen. Dem Bandnamen entsprechend ist SCENES FROM A MEMORY wie ein Theaterstück mit zwei Akten und neun Szenen aufgebaut. Die Geschichte wird aus heutiger Sicht und in Rückblenden in die Vergangenheit erzählt, durch Nicholas oder die anderen beteiligten Personen.

In "Regression" wird Nicholas von einem Psychiater, den er wegen beängstigender Träume die ihn quälen aufgesucht hat, in Hypnose versetzt. Man hört den Arzt sprechen, im Hintergrund das Ticken einer Uhr. Mit akustischer Gitarre unterlegt singt LaBrie (Nicholas) von einer Victoria die ein Leben führt, dass sehr ähnlich ist wie das von Nicholas.
"Overture 1928" ist ein Instrumental. Dezentes Keyboard wird von sich langsam steigernden Drums verdrängt. Mike Portnoy gibt hier direkt eine Visitenkarte seines ungewöhnlichen Könnens ab. Auch Rudess an den Keyboards trägt viel zum Gelingen des Songs bei. Tolle Melodie die in den Soli, durch den speziellen Sound der Instrumente, die Traumphase des sich unter Hypnose befindenden Nicholas sehr gut einfängt. Der Titel des Songs gibt einen Hinweis, dass sich Nicholas in seinem Traum im Jahre 1928 befindet.
"Strange Deja Vu" schließt sich nahtlos an. Nicholas steigt die Stufen eines ihm unbekannten Hauses hinauf und sieht im Spiegel ein junges Mädchen. Er fragt das Mädchen weshalb er hier ist. Victoria, so ihr Name, erzählt ihm sie brauche seine Hilfe um eine schreckliche Tat in der Vergangenheit aufzuklären sonst könne ihr Geist keine Ruhe finden und ihr Herz wäre auf ewig zerrissen. Aus der Hypnose erwacht glaubt Nicholas bereits in der Zeit seines Traums (1928) gelebt zu haben und verspürt das unbändige Verlangen die Sache um Victoria aufzuklären, ansonst befürchtet er den Verstand zu verlieren. Die Traumphase ist musikalisch surrealistisch umgesetzt mit vielen Tempowechseln, die Vocals sind weich. Zurück im richtigen Leben klingen die Instrumente und die Stimme von LaBrie rauer fast gehetzt wie der Protagonist Nicholas. Nach bester Prog Manier wechseln melodische, ruhige Keyboardeinlagen mit dem treibendem Sound von Bass und Drums bevor die Nummer leise mit Piano in das kurze "Through my Words" übergeht. Nicholas spricht von seiner engen Verbundenheit zu Victoria, dass alles was sie in ihrem Leben sah auch in sein Gedächtnis eingeprägt ist und nun durch seine Worte erzählt wird. Zu dem einfühlsamen Piano von Rudess kann LaBrie wie immer in den ruhigen Songs voll überzeugen. Gerade in der minimalistischen Ausführung nur mit Piano und den Vocals liegt gleichzeitig auch die Stärke.
In "Fatal Tragedy" sucht Nicholas nach Antworten warum er in seinen Träumen Victoria weinen hört. Ein alter Mann erzählt ihm Victoria sei vor langer Zeit ermordet worden, eine Tragödie die Umstände bis heute ungeklärt, aber Nicholas würde die Wahrheit in der Zukunft erkennen. Der Song startet ohne Übergang zum vorangegangenen mit dem Piano, die Vocals sind aber tiefer bis nach wenigen Augenblicken Gitarre und Drums loslegen. Passend zu dem Titel ist die Nummer geheimnisvoll und von der Stimmung traurig. Ab der Mitte sind alle Instrumente abwechselnd mit schnellen fulminanten Einlagen zu hören. So leise der Song begann so heftig geht er zu Ende.
"Beyond this Life" handelt von einem Zeitungsbericht über den Mord an Victoria. Ein Zeuge hörte einen Schrei und findet das Mädchen erschossen am Boden, ihr Mörder Julian richtet sich selbst. Eine Notiz deutet darauf hin, dass die beiden in der Vergangenheit ein Liebespaar waren. Der Song legt mit harten Riffs los. Da die Lyrics von einem Mord handeln geht es hier auch musikalisch alles andere als zimperlich zur Sache. Die Drums wirbeln mit unglaublichem Drive. Mit unzähligen Tempo- und Rhythmuswechseln gespickt, hört man hier Prog in Reinkultur. In den über 11 Minuten entfaltet sich "Beyond this Life" zu einem überaus komplexen und abwechslungsreichen Stück, das geschickt die Stimmung der erzählten Geschichte vermittelt.
In "Through her Eyes" erkennt Nicholas, dass Victoria und er die gleiche Seele haben und er beginnt zu ahnen, er war in seinem früheren Leben Victoria. Sie wurde 1928 ermordet. Er besucht ihr Grab und und sieht ihr Leben aus ihrer Sicht. Unterstützt durch Theresa Thomason die den Part der Victoria einsingt sind es vor allem Rudess der mit den Pianoklängen enormes Einfühlungsvermögen zeigt und die schmeichelnde Stimme von LaBrie die diesen Song prägen. Nicht zu vergessen Pertrucci der teils mit akustischer Gitarre das Stück untermalt und an einigen Stellen auch sparsam die E-Gitarre einsetzt. Gänsehaut!
Mit "Home" beginnt der zweite Akt. Wir erfahren, dass Victoria ihre Beziehung zu ihrem Freund Julian wegen dessen Dekadenz beendet hat und eine Affäre mit seinem Bruder Ed beginnt. Pertrucci tauscht teilweise die Gitarre mit einer Sitar was sehr orientalisch klingt. Dann setzen die Drums ein und kurze harte Riffs stehen im deutlichen Kontrast zu den Einlagen auf der Sitar. In bester Prog Manier spielen sich die Instrumente in einen Rausch, das Drumming von Portnoy setzt neue Maßstäbe. Die wechselnden ruhigen und härteren Abschnitte präsentieren die Zerrissenheit von Victoria in ihrer Liebe zu den beiden Brüdern. Das fast 13 Minuten lange Stück endet mit Soli von Pertrucci der seiner Gitarre elektronisch verfremdet ähnliche Töne wie der Sitar vom Anfang des Lieds entlockt. Auch die Keys tönen mit orientalischem Flair.
"The Dance of Eternity" ist ein instrumentales Stück. Zu Beginn mit dem Bass von Myung gesellen sich die Drums und Keys sehr schnell dazu. Hier toben sich sämtliche Instrumente so richtig aus. Die Keyboards klingen manchmal wie ein Piano in einer Bar aus einem Western. In den Song sind mehr Stile gepackt als man zählen kann. Sehr kompliziert und abwechslungsreich aber auch nicht gerade leicht verdaulich, ein schier unglaubliches Konglomerat aus Tönen und Akkorden. Kritiker werden Dream Theater an dieser Stelle vorwerfen ihre brillanten technischen Fähigkeiten zum Selbstzweck viel zu exponiert einzusetzen. Wie dem auch sei, die meistem Progressiv Kapellen würden vor so einem schwierigen Song ohnehin kapitulieren.
"One last Time" führt Nicholas zum Haus in dem Victoria ihre Affäre mit Ed hatte. Zwischen Traumwelt und Realität hin und her gerissen fühlt er eine beängstigende Kälte und hört die Stimmen von Victoria und dem Bruder von Julian im Streit. Und abermals hat Rudess Gelegenheit am Keyboard zu glänzen. Besser kann man nicht spielen. Das gilt auch für die Rhythmusfraktion, ständig präsent aber nie zu aufdringlich. Kraftvoll und melodisch, ganz großes Kino.
"The Spirit carries on" handelt von der Erkenntnis Nicholas der sich erneut in Hypnose befindet, dass nach dem Tod die Seele weiterlebt und er ist nun sicher in einem früheren Leben Victoria gewesen zu sein und glaubt, dass Ed in den Mord involviert ist. Victoria sagt ihm er solle nicht um sie weinen sie aber auch nie vergessen. Ganz zarte Pianoklänge und die fast hingehauchten Vocals eröffnen die Nummer. Die Gitarre setzt einzelne Akzente im Hintergrund. Im Verlauf gewinnt der Song langsam und fast unmerklich an Dynamik. Pertruccis Gitarre erinnert an David Gilmour von Pink Floyd in seinen besten Zeiten. Die Vocals werden durch einen Background Chor unterstützt, erhaben und episch.
"Finally free" enthüllt die letzten Geheimnisse um Victoria. Aus Sicht des Bruders von Julian erzählt erfahren wir, dass Victoria sich mit Julian, den sie immer noch liebt nachts trifft, die beiden werden von Ed überrascht und Julian im Streit getötet. Als Ed erkennt, dass er durch seine Tat Victoria für immer verloren hat, tötet er auch sie, lenkt den Verdacht auf den Julian und gibt sich anschließend als unbeteiligten Zeugen aus. Der Schluss der Geschichte lässt Spielraum für Spekulationen, aus meiner Sicht entpuppt sich der Psychiater der Nicholas mehrfach hypnotisierte als Reinkarnation von Ed. Da Nicholas nun alle Geheimnisse kennt tötet er Nicholas genau wie sein anderes ich es vor vielen Jahren mit Victoria und Julian getan hat. Man hört die Stimme des Psychiaters der Nicholas aufweckt. Akustikgitarre und Keyboardstreicher klingen heiter, das Schlagen einer Autotür und Donnergrollen sind zu vernehmen. Piano und Vocals sind leise und verhalten bis Gitarre und Drums die Nummer antreiben. Mehrer Übergänge von leisen zu druckvolleren Phasen sind so harmonisch, dass alles wie aus einem Guss wirkt. Langsam blendet die Musik aus die Drums wummern bedrohlich, zum Schluss nur noch statisches Rauschen.

Fazit: Noch heute zehrt Dream Theaters guter Ruf von diesem Meilenstein. Vor allem nach dem schwächeren OCTAVARIUM erinnern sich viele Fans dieses grandiosen Sahnestücks. John Pertruccis perfektes Gitarrenspiel, Mike Portnoys unglaublich variables Drumming, Jordan Rudess virtuoses Spiel auf den Tasten, John Myungs gekonnte Beherrschung des Langsaiters lassen keine Wünsche offen. James LaBrie hat sich im Vergleich zu früher auch gesteigert und ist ohne Zweifel ein guter Sänger, reicht aber an seine Kollegen an den Instrumenten nicht ganz heran. Seine Vocals lassen aus meiner Sicht an einigen Stellen etwas an Intensität und Pathos vermissen, weshalb ich auch nicht die Höchstnote vergebe. Am besten klingt er bei den sanfteren, getragenen Passagen.

Anspieltipps:
 Man sollte das Album als Gesamtwerk auf sich wirken lassen und nicht in einzelne Songs zerpflücken, daher möchte ich auch nur ungern eine Empfehlung für einzelne Nummern aussprechen. Aber wenn ich mich auf einige festlegen muss: "Through her Eyes", "Home", "The Spirit carries on", "Finally free"

Tipp:
 SCENES FROM A MEMORY ist kein leicht zugängliches Album, besonders die erste Hälfte verlangt danach sich näher und intensiv mit der Musik zu beschäftigen. Als Hintergrundbeschallung zum "nebenbei hören" ist die Scheibe denkbar ungeeignet. Aber wie so oft im Leben, wenn man sich etwas erarbeitet hat, ist die Belohnung hinterher umso süßer. Bei diesem Album entdeckt man auch nach dem zehnten Durchlauf noch immer neue Feinheiten. Für echte Progressive Metal Anhänger eine hundertprozentige Kaufempfehlung.

Titel-Liste:
 Act one
  1. Scene one: Regression
  2. Scene two: I. Overture 1928
  3.                  II. Strange Deja Vu
  4. Scene three: I. Through my Words
  5.                  II. Fatal Tragedy
  6. Scene four: Beyond this Life
  7. Scene five: Through her Eyes
Act two
  1. Scene six: Home
  2. Scene seven: I. The Dance of Eternity
  3.                     II. One last Time
  4. Scene eight: The Spirit carries on
  5. Scene nine: Finally free

Laufzeit:
 77:12 Min.

Probehören und Kaufen:
Dream Theater: METROPOLIS PT II SCENES FROM A MEMORY

 
 
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