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Review: Enslaved
 
VERTEBRAE

Album:
 VERTEBRAE, 2008, Indie Recordings

Stil:
 Progressive Black Metal

Wertung:
 7 von 7
7 von 7 Punkten
 S.J., 25.10.2008

Review:
 Was ist Black Metal? Eine klischeebeladene, vieldiskutierte Frage. Eine Band, die seit langem immer wieder neue Grenzen auslotet und sich durch die Genre Bezeichnung keineswegs limitiert fühlt, sind wohl Enslaved. Nichts desto Trotz sind sie als Black Metal Band etabliert und anerkannt. Ihr letztes Album RUUN erhielt nahezu überall durchweg positive bis überschwängliche Resonanzen. Was zaubern sie nun also auf ihrer aktuellen Scheibe, die auf den lateinischen Begriff "Vertebrae" hört? Gehen sie ihren progressiven Weg noch weiter, oder haben sie ihre Grenze erreicht und gehen "Back to the Roots"?

Der Opener "Clouds" beantwortet diese Frage schon eindeutig: Enslaved geben sich nicht mit der bereits auf RUUN erreichten Vielseitigkeit zufrieden, sondern gehen ihren Weg der Entwicklung konstant weiter. Man kann sagen, dass die progressiven und die Black Metal Elemente mittlerweile nahezu gleich auf sind.
Man zeigt sich verspielt, verliert das Ziel aber nicht aus den Augen, und so sind die ersten spannenden sechs Minuten des Albums schon gelaufen, bis es in dem noch längeren "To the Coast" zum ersten Mal wirklich explodiert und seine pechschwarze Seite zeigt. Interessant ist, wie selbstverständlich man an diesen Punkt gelangt. Eine Minute zuvor ist man noch an einem progressiven, emotional sehr ausgeglichenen und von klarem Gesang geprägten Ruhepunkt. Beeindruckend ist es, wie Enslaved ohne "Schockmoment" auskommen und ihr Songwriting wirklich "entwickeln". Da gibt es keine Aneinanderreihung von Riffs, wie sie im klassischen (Black) Metal vorherrschend ist. Alles scheint durchdacht, geplant und aufeinander aufbauend und dennoch keineswegs intellektuell aufgesetzt oder irgendwie überladen.
Ohne dass man wirkliche Songenden und -Anfänge ausmachen kann, befindet man sich in "Ground", einem Titel, der auch das gesamte Album nur zu gut beschreiben könnte. Es geht in VERTEBRAE nämlich nicht um massiven Ausdruck oder plakative Schwarz/Weiß Malerei, wie sie im Black Metal nur zu oft stattfindet. Auch scheint Enslaved nicht daran gelegen, durch virtuose Kabinettstückchen ihr instrumentales Können demonstrieren zu müssen. -Ein Manko, unter dem die Qualität vieler Prog-Bands leidet.
Man scheint sich nicht an virtuosen Soloorgien mancher 80er-Jahre Gitarristen orientiert zu haben, sondern vielmehr entspannt und zuhause den gediegenen Klängen langer Pink Floyd Songs gehört zu haben. Anders lässt sich diese emotionale Tiefe, die lange kein von mir gehörtes Album erreicht hat, nicht erklären.
Fraglich ist nur, wie man diese Songs wirkungsvoll live in Szene setzen will. Da gibt es, beispielsweise im Titeltrack "Vertebrae" manche Riffs, die durch die Produktion sehr gut ineinander- und übereinander geschichtet sind. In der heimischen Anlage kommt das klasse rüber, zumal VERTEBRAE auch keineswegs überproduziert ist, auch wenn ein kleines Mehr an Dynamik sicher nicht geschadet hätte. Vielleicht sind die Songs wie sie auf dem Album sind, auch einfach live nicht zu toppen. Egal, lassen wir uns überraschen und lauschen weiter der Platte.
Die knallt in "New Dawn" nämlich ordentlich los. Schön, dass Enslaved zwischendurch ihr Album nicht überladen, und dem unbedarften Metal-Hörer auch eine Entspannungspause gönnen.
Der Song knallt einfach. Und er ist Black Metal. Zumindest für alle, die nicht wie ein gewisser Fenriz jede nach Punk klingende Rumpeltruppe mit bewusst schlecht gehaltenem Sound für mehr Black Metal erklären, als ein Album wie IN THE NIGHTSIDE ECLIPSE.
Im längsten Song des Albums, "Reflection" bekommen die Keyboards etwas mehr Dominanz, jedoch finden sich auch rockigere Parts, mit melodischen Leads versehen. War die erste Hälfte des Albums emotional sehr dicht, lockert sich das Ganze Gebilde in der zweiten Hälfte, ohne an Qualität einzubüßen.
Auch das ebenfalls sehr lange "Center" lässt trotz aller Prog-Elemente mehr Raum für Einzelheiten.
"The Watcher" schlägt wieder den Bogen zum Beginn des Albums. Zwar greift man keineswegs auf Riffs oder Melodiesätze der ersten Songs zurück, jedoch schafft man es atmosphärisch den Hörer wieder dorthin zu geleiten. Auffallend schön sind die eingestreuten Akustikparts, welche etwas träumerisches bieten. Und für alle, die nun auf komische Gedanken kommen: Ich habe nichts geraucht und außer Kaffee nichts getrunken. Hört euch das Album einfach selbst mal zuhause und in Ruhe an, lasst es auf euch wirken!

Fazit: Einfach durchweg ein klasse Album. Man könnte sagen "Ein Album dass der Metal gebraucht hat!". Wer das zu übertrieben findet, wird aber zumindest eines unterschreiben können: Black Metal braucht eine Band wie Enslaved, die sich um mehr Tiefe bemüht und stets neue Wege geht, mit klarem Ziel vor Augen, ohne vergessen wo sie hergekommen sind. Auch wenn VERTEBRAE vielleicht nur eine Momentaufnahme dieser Entwicklung darstellt, vergebe ich die Höchstnote für dieses eigenständige, höchst emotionale Geflecht verschiedener Musikstile. Große Klasse!

Titel-Liste:
 
  1. Clouds
  2. To the coast
  3. Ground
  4. Vertebrae
  5. New Dawn
  6. Reflection
  7. Center
  8. The Watcher

Laufzeit:
 44:34 Min.

Band-Infos:
 
  • www.enslaved.no 

  • Probehören und Kaufen:
    Enslaved: VERTEBRAE

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