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Review: Frost
 
EXPERIMENTS IN MASS APPEAL

Album:
 EXPERIMENTS IN MASS APPEAL, 2008, Inside Out

Stil:
 Progressive Rock

Wertung:
 4,5 von 7
4,5 von 7 Punkten
 U.B., 09.11.2008

Review:
 Man muss ganz schön mutig sein wenn man ein Album veröffentlicht, dass auf dem Cover außer einem gesprayten Stern auf schwarzem Grund nichts anderes zur Schau stellt. Kein Bandname, kein Titel, nichts. Aber vielleicht ist dieser Minimalismus im Falle des neuen Frost Albums ja auch Zeichen eines gesunden Selbstbewusstseins. Die Gruppe will die Musik sprechen lassen und legt auf ein tolles Artwork keinen Wert. EXPERIMENTS IN MASS APPEAL ist das zweite Werk von Frost, der Band um Jem Godfrey, Songwriter, Keyboarder und Produzent in einer Person. Mit an Bord sind mehrere Musiker der bekannten britischen Prog Kapelle IQ. Während auf dem Erstling MILLIONTOWN von 2006 noch Jem Godfrey die Vocals selbst übernahm, so holte man sich mit Declan Burke einen neuen Sänger, der zugleich die zweite Gitarre spielt. Auf Milliontown konnte Godfreys Stimme dem doch recht dynamischen und teils bombastischen Sound nicht genügend Paroli bieten. Godfrey zeigte sich der Kritik an seiner Stimme aufgeschlossen und äußerte sich, Zitat: "Meine Stimme taugte nichts." So weit würde ich mit meiner Kritik zwar nicht gehen, aber der neue Mann am Mikro ist im Vergleich schon ein ganzes Stück besser. Der bei so viel Selbstkritik sofort sympathische erscheinende Godfreys wollte mit EXPERIMENTS IN MASS APPEAL ein ungewöhnliches Album kreieren was ihm, so viel vorweg, auch gelungen ist. Ein weiteres MILLIONTOWN sollte es nicht sein sondern die Reflektion einer musikalischen Weiterentwicklung. Aufgenommen wurde die CD in Godfreys eigenem Studio The Cube.

Das Titelstück "Experiments in Mass Appeal" startet mit dem Geräusch eines schlagenden Herzens dann setzen Akustikgitarre und softe Vocals ein. Das klingt sehr beschaulich bis urplötzlich ohne Vorwarnung der volle Instrumentalsound aufbrandet nur um einige Zeit später erneut in seichtere Klangwelten abzutauchen. Diese Wechsel ziehen sich durch den ganzen Song, Zuckerbrot und Peitsche, Standgas oder Bleifuß. Ständig wird man hin und her geworfen zwischen ruhigen, verhaltenen Phasen und überaus druckvollen, dynamisch aggressiven Abschnitten.
"Welcome to nowhere" ist zu Beginn geprägt von leisem Piano und gefühlvollen Vocals aus dem Hintergrund bis, wie im ersten Song, ein musikalischer Vulkanausbruch dem Hörer den Atem nimmt. Die Drums peitschen, der Bass poltert und die Gitarren rasen wild in hohem Tempo dahin. Allerdings sind die Dynamik Wechselbäder nicht ganz so hart wie im Titelstück aber immer noch mit Urgewalt.
"Poket Sun" startet mit nervigem Elektrogedudel was zum Glück bald im vollen Instrumenteneinsatz untergeht. Ungezählte Tempo- und Rhythmusvariationen gestalten den Track abwechslungsreich aber das wilde Konglomerat aus Klängen und Akkorden hat schon was Chaotisches an sich.
Leises Klavier und zurückhaltende Vocals bilden den Start von "Saline". Die Melodie pendelt zwischen melodischen und ziemlich schrägen Tönen. Ganz langsam nimmt man Fahrt auf und gewinnt an Tempo um dann zurückzufallen in eine betont ruhige Piano Passage. Gegen Ende kommen noch Syntie Streicher zum Einsatz.
Auch "Dear dead Days" hat wie Track drei dieses nervtötende Syntie Gedudel. Auch wenn es nur einige Sekunden dauert kann ich auf solche Spielereien gut verzichten, zumal es gar nicht zum Song passt. Die Dynamik Berg- und Talfahrt findet sich auch hier, mal schnelle, flirrende Keyboards, mal leises Piano und hauchzarte Vocals. Am Ende tritt man das Gaspedal voll durch und Keys und Gitarren rasen um die Wette.
"Falling Down", man ahnt es schon, wartet mit dem bekannten Wechselspiel auf. Der Bass steht stärker im Vordergrund, dazu gibt es viel Keyboard und mehr Drums als bisher. Ein ziemlich hektisches Stück.
"You/I" ist ein kurzes Intermezzo nur mit Piano und nachdenklichen Vocals.
Ungemein popig und modern legt "Toys" los. Mit starkem Rhythmus und schön flott geht es energisch dahin. In der zweiten Hälfte sorgt verstärkter Einsatz der Gitarren dafür, dass die Nummer zunehmend rockiger wird.
Den Abschluss bildet "Wonderland", mit fast 16 Minuten der mit Abstand längste Track. Leise Vocals begleitet von Piano, wie oft hatten wie das eigentlich schon, und mit dem Einsetzen der Drums geht es in die Vollen. Plötzlich bricht das Stück ab und man meint es sei vorbei bis man nach etwa 25 Sekunden Stille durch undefinierbare Töne signalisiert bekommt, es geht noch weiter. Was folgt sind metallisch klingende Keyboards und technische Spielereien die bei mir den Eindruck erwecken man will den Song künstlich aufblasen. Minutenlang sind nur Klangfragmente zu hören dazu noch so leise, dass es an der Schwelle zur Wahrnehmung liegt. Prog darf durchaus experimentelle Elemente enthalten aber was hier im letzten Abschnitt geboten wird ist schon sehr abgefahren und aus meiner Sicht einfach überflüssig.

Fazit: In einem an neuen Prog Alben nicht gerade armen Jahr (Gott sei Dank) kommt mit EXPERIMENTS IN MASS APPEAL ein weiteres Werk auf den Markt, dass sehr eigenständig ist. Frost legt bei seinen Stücken großen Wert auf riesige Dynamiksprünge. So säuselt die Musik in einem Moment leise und zart nur um Sekundenbruchteile später wie ein Gewittersturm über den Hörer herein zu brechen. Leider wird von diesen dynamischen Beschleunigungsorgien überreichlich Gebrauch gemacht. Oft wirken die Songs fast schon zerhackt und wie im Studio zusammengeschnitten. Bei aller Vielfalt und Originalität die man diesem Album unbedingt bescheinigen muss, fehlt es mir an eingängigen Melodien die sich im Ohr festsetzen, viele Stellen wirken einfach zu improvisiert. Harsche Disharmonien tun ein Übriges mir den Genuss an einigen Stellen zu verderben. Selbst meinen Prog gewöhnten Ohren fällt es schwer sich mit der Musik zu identifizieren. Fast alle Stücke sind nach folgendem Schema aufgebaut: leiser Beginn mit Piano- Keyboard und zurückhaltenden Vocals, unvermittelt die Instrumentalkeule eingesetzt, Rückfall in einen leisen Abschnitt und alles wieder von vorn.

Anspieltipps:
 "Welcome to nowhere", "Toys"

Tipp:
 Experimentierfreudigen Prog Rock Fans die ständig auf der Suche nach Neuem sind und keine Probleme haben sich abseits bekannter Hörgewohnheiten zu bewegen kann ich dieses Album empfehlen. Alle anderen sollten vor dem Kauf zumindest reinhören. Vielleicht finden sie an dieser Prog Wundertüte durchaus ihren Gefallen, bei mir hinterlässt das Album einen zwiespältigen Eindruck.

Titel-Liste:
 
  1. Experiments in Mass Appeal
  2. Welcome to nowhere
  3. Poket Sun
  4. Saline
  5. Dear dead Days
  6. Falling down
  7. You/I
  8. Toys
  9. Wonderland

Laufzeit:
 56:40 Min.

Band-Infos:
 
  • www.frostmusic.net 

  • Probehören und Kaufen:
    Frost: EXPERIMENTS IN MASS APPEAL

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