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Review: Gamma Ray
 
LAND OF THE FREE: PART II

Album:
 LAND OF THE FREE: PART II, 2007, Steamhammer

Stil:
 Power Metal

Wertung:
 6,5 von 7
6,5 von 7 Punkten
 J.G., 26.11.2007

Review:
 Was waren das noch für Zeiten, als bei Helloween eitel Sonnenschein herrschte und man mit dem Hüter der sieben Schlüssel jede Bühne niederrockte. Oftmals bleibt es ohne Folgen, wenn irgendwann einer aus der Mannschaft den Blinker setzt, links abbiegt um sich zukünftig alleine durchzuschlagen. Interessant wird es jedoch immer dann, wenn derjenige garnicht abbiegen möchte, sondern frech zum Überholen ansetzt und seine alte Heimat alsbald nur noch im Rückspiegel erblickt. So geschehen mit Gitarrist Kai Hansen, der nahezu aus dem Stand eine schlagkräftige Truppe findet und nun seit fast 20 Jahren ein Qualitätseisen nach dem anderen ins Feuer werfen kann. Und egal ob alt, wie HEADING FOR TOMORROW und LAND OF THE FREE oder neu, wie das letzte Werk MAJESTIC, tragen alle das Gütesiegel exzellenter deutscher Stahlschmiedekunst.
So weit so gut, aber eins leuchtet mir immer noch nicht ein. Warum müssen sich die Bands dabei immer wieder selbst ein Bein stellen und Erwartungen wecken, die sie womöglich nicht erfüllen können? Als ob es nicht schon genügend abschreckende Beispiele geben würde. Da wäre z.B. die gerade schon erwähnte Kürbis-Truppe, die mit ihrem dritten Teil KEEPER OF THE SEVEN KEYS - THE LEGACY kein schlechtes Album abgeliefert haben, aber mit den beiden KEEPER-Vorgängern einfach nicht vergleichbar. Oder wie wäre es mit den Prog-Königen Queensryche, die mit OPERATION: MINDCRIME II an ehemalige Glanzzeiten anknüpfen wollten, aber damit wohl mehr Lacher geerntet haben als ihnen lieb war.
Und nun will es auch Kai wissen und knallt uns mit LAND OF THE FREE: PART II die verbale Fortsetzung der 95er-Hochzeiten vor den Latz. Na, da bin ich aber mal gespannt, ob das gut gegangen ist.

Mit dem Opener "Into the Storm" drücken die Hamburger schon mal mächtig das Gaspedal durch und schaffen es mühelos sofort an alte Glanzleistungen anzuknüpfen. Gnadenlose Killer-Riffs drücken aus den Boxen und werden mit melodischem Refrain und passgenauen Gitarren-Soli veredelt. Ein Einstand nach Maß.
Noch etwas näher kommt man dem namentlich verwandten Frühwerk mit dem Song "From the Ashes". Einmal mehr beweist Kai sein Gespür, galoppierende Power Metal Themen in ein Kinderlied-ähnliches Melodiekostüm zu pressen, ohne dabei an metallischer Härte einzubüßen. Genau so hätte ich mir die Neue von Helloween gewünscht. Aber das ist ein anderes Thema...
Nach kurzer Überleitung "Rising again" wird mit "To Mother Earth" der erste Nachbrenner gezündet und es bleibt nur eine Rauchfahne in der Luft hängen, als die Gamma Ray Rakete die meisten Veröffentlichungen dieses Jahr mit kindlicher Leichtigkeit überholt. Apropos kindlich, da wäre der Refrain zu erwähnen, bei dem man es dann doch etwas mit dem Kitsch übertrieben hat. Stünde Freedom Call auf der Verpackung, würde ich anerkennend nicken, aber hier...
Deutlich härter bei gleichem Tempo, sagt mir "Rain" schon wieder mehr zu. Nicht ganz so melodisch, aber dafür mit kompromisslos treibendem Takt, setzt es hier gehörig Prügel mit den Äxten.
Nach einem weiteren Keulenschwinger "Leaving Hell" nimmt man für "Empress" endlich wieder etwas den Fuß vom Gas. Dafür gibt es dann aber Ohrwurmrefrains und Chöre, die sofort zum Mitgröhlen einladen.
Kaum verschnauft, legen Kai und seine Jungs mit "When the World" wieder ein, zwei Zähne zu. Klar darf auch diesmal der melodische Refrain nicht fehlen, der jedoch hier gänzlich ohne Kitschbeilage auskommt.
Sieht man von der Tatsache ab, dass man sich ziehmlich auffällig an Iron Maiden-Riffs bedient hat, so kann man mit "Opportunity" voll und ganz zufrieden sein. Und um es mit den Worten von Judas Priest Basser Ian Hill auszudrücken: 'Ein gutes Riff bleibt ein gutes Riff'.
Ein zwingender Groove lädt sofort zum Mitnicken ein, bevor der Song "Real World" so richtig durchgestartet ist. Diesmal bedient Kai gesanglich die tiefen Tonlagen, was zur Abwechslung gar nicht schlecht rüberkommt. Über das für Gamma Ray-Verhältnisse niedrige Tempo tröstet der Bombast Marke 'Doppelrahm-Stufe' voll und ganz hinweg.
Bevor man in die letzte Runde startet wird mit "Hear me calling" das Schlachtfeld vor den Boxen kräftig beackert und um einige Krater angereichert. Diesmal reitet man jedoch nicht den Maiden Bock, sondern steigt um auf Rob Halfords 'Judas Priest'-Bike.
Und dann wird es ernst. Mit "Insurrection" läuten Gamma Ray nicht nur die Schlussrunde ein, sondern nähern sich von der Spieldauer deutlicher als je zuvor dem Mega-Song "Heading for Tomorrow" ihres Debüts. Und wahrlich, hier hat man keine Zeit geschindet, sondern einen gelungenen Power Metal Megalithen in den Boden gerammt, den es erst zu bezwingen gilt. Schade dass nicht mehr Bands die Chancen für einen gelungenen Ausstand nutzen wie die Hanseaten.

Fazit: Abgesehen von dem stellenweise doch etwas zu hohen Kitschfaktor, der so manchem Kinderlied zur Ehre gereichen würde, hat die Hansen-Truppe einmal mehr ihr untrügerisches Gespür für druckvolle und melodische Power Metal Kost bewiesen. Da können Gamma Ray zur Zeit nur wenige so überzeugend nachfolgen. In jedem Fall ist das Unternehmen LAND OF THE FREE Part: II gelungen. Man hat sich über eine Stunde in Bestform präsentiert und die Messlatte auf gleiche Höhe der erfolgreichen Vorgänger angehoben. Mehr habe ich auch nicht erwartet und bin deshalb sehr zufrieden mit dem Vorweihnachtsgeschenk.
Einen kleinen Wermutstropfen habe ich dann doch noch gefunden. Vergleiche ich die Soundqualität der beiden neuen von Gamma Ray und Axxis direkt miteinander, so klingt die Hansen-CD stellenweise übersteuert und etwas zu dumpf. Bassmäßig ist unzweifelhaft genügend Druck vorhanden, aber etwas mehr "Klarheit" hätte nichts geschadet.

Tipp:
 Wer Gamma Ray schon immer einige Dauerläufe spendiert hat, wird hier auch länger Freude haben. Helloween Fans, die bisher immer einen Bogen um den Abtrünnigen gemacht haben, sollten hier mal mit offenen Ohren etwas genauer hinhören. Und wer nicht so lange Geduld hat und bis Weihnachten warten möchte, den kann ich gut verstehen.

Titel-Liste:
 
  1. Into the Storm
  2. From the Ashes
  3. Rising again
  4. To Mother Earth
  5. Rain
  6. Leaving Hell
  7. Empress
  8. When the World
  9. Opportunity
  10. Real World
  11. Hear me calling
  12. Insurrection

Laufzeit:
 63:16 Min.



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