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Review: Great White
 
RISING

Album:
 RISING, 2009, Frontiers

Stil:
 Hard Rock, Blues Rock, AOR

Wertung:
 3 von 7
3 von 7 Punkten
 C.L., 16.06.2009

Review:
 Great White gehören zu den Hardrockbands, die man damals ganz leicht mit anderen wie Ratt, Dokken oder Poison zu der typischen L.A. Metal-Szene hinzuzählte. Dabei besetzen die Mannen um Sänger Jack Russell mit ihrem harten, erdigen Bluesrock ihre ganz eigene ökologische Nische im Musik-Business, die bis heute noch niemand anderes einnehmen konnte.
In ihrer Hochzeit veröffentlichte die Combo Megaseller wie TWICE SHY und HOOKED, musste dann aber trotz eines ihrer kreativsten Alben (PSYCHO CITY, 1992) mitansehen, wie es stetig bergab ging. Auch mit einem neuen Label im Rücken und dem Versuch einer anderen musikalischen Ausrichtung auf der Doppel-CD SAIL AWAY konnte man nicht mehr an alte Erfolge anknüpfen.
Das Rock 'n' Roll-Projekt dümpelte die nächste Zeit vor sich hin und zeichnet sich nur noch durch immer schnellere Besetzungswechsel aus. Doch trotz aller Auflösungsgerüchte konnte man bis 2003 zumindest in punkto Live-Konzerte für Kontinuität und stete Präsenz sorgen. Als es während eines Auftritts in West Warwick, Rhode Island zu einem Feuerausbruch kam, bei dem über 100 Zuschauer den Tod fanden - darunter auch Gitarrist Ty Longley - , schien das Ende von Great White dann besiegelt zu sein.
Nach der Zwangspause kam es 2006 zu einem Comeback in der Formation, wo der weiße Hai am erfolgreichsten zugebissen hatte: bis auf Bassist Tony Montana (ersetzt durch Ex-Quiet Riot-Member Sean McNabb) waren neben Frontmann Jack Russell Gitarrist Mark Kendall, Keyboarder Michael Lardie und Schlagzeuger Audie Desbrow wieder mit an Bord.
Ein Jahr später kam es dann zur Veröffentlichung des vielversprechenden Studioalbums BACK TO THE RHYTHM. Daher durfte man auf das neue Werk der Russellbande - RISING - wirklich gespannt sein.

Der Opener "Situation" fängt mit einem schönen Bluesintro an, und dann zitiert Gitarrist Mark Kendall ein unnachahmlich rückgekoppeltes Lick im Stile eines Jimi Hendrix., bevor es dann richtig zur Sache geht. Auch wenn hier schön heftig in die Saiten gegriffen wird, wirkt der Bluesrock-Stampfer etwas zu cremig-süßlich und plätschert einfach nur so vor sich hin. Auffällig auf jeden Fall, dass die Band hier mit Backgroundgesang arbeitet, was sich wie ein roter Faden durch dieses Album ziehen wird. Alles in allem ein durchschnittlicher Song, der einen schnell zum nächsten Track bringt.
"All Or Nothing" kann trotz eines sehr schönen Gitarrensolos einfach nicht überzeugen. Vor allem der Chorus scheint hier fehl am Platz zu sein, so etwas sollte man lieber Bands wie Winger oder Warrant überlassen. Es ist eher ein typischer Partyrocker zur Einstimmung der Gäste.
Die Midtempo-Nummer hat aber wenigstens den amtlichen Groove, der ordentlich in die Beine geht.
Bei den einsetzenden Bongo-Trommeln denkt man unwillkürlich an "Sail Away" vom gleichnamigen 1994er Album. Dann wird es so richtig schön dramatisch und man denkt "Jetzt, ja jetzt, endlich kommt er, der ganz spezielle Great White-Song mit der gewissen Tiefe und Melancholie!". Leider falsch gedacht, denn "I don't mind" mutiert dann zu einem ziemlich schlappen Titel mit total langweiligem Refrain. Dass ganze klingt nach aufgesetzter Heiterkeit mit dem Moto "Wir sind wieder da und alles wird gut!", so als wäre "Leute heute"-Moderatorin Nina Ruge kurz zu Besuch im Studio gewesen. Auffällig, dass die Keyboards in Richtung AOR gehen, so als hätte Michael Lardie ziemlich viel Toto oder Asia gehört.
Dann wird es wohl Zeit für einen kleinen Weckruf, denn mit "Shine" wird anfangs wieder Vollgas gegeben, um dann tempomäßig wieder in recht ruhige Gefilde abzutauchen. Alles in allem ein sehr relaxter Song, der aber keinem so richtig wehtut, den man eher ein bisschen aufpolieren müsste, auf dass er wirklich "scheint". Ein paar hübsche Ansätze werden zwar geboten und es klingt stellenweise wie auf einem der 80er Alben, aber insgesamt kann der Titel einfach nicht zünden. Etwas gewöhnungsbedürftig ist auch der Chorus, der sich nach Bombastrock a la Asia anhört.
"Loveless" hat ein paar ganz spannenden Momente, die ins Ohr gehen, aber auch dieser Titel kommt nicht an die guten alten Klassiker heran. Dafür ist er einfach etwas zu positiv in der Stimmung. Trotz allem ist dieser Midtempo-Rocker bis jetzt ein absoluter Lichtblick, wenn da nicht wieder der deplatziert wirkende Background-Gesang der Bridge wäre. Wem die CD HOOKED gefällt, dem wird der Track sicherlich gefallen. Ansonsten ist er stellenweise so lieblos wie sein Name auch verrät.
Habe ich vielleicht schon genug gehört von dem neuen Werk, frage ich mich, denn auch mit "Is it enough" kann ich mich nicht besonders anfreunden, denn hier wird es sehr poppig für Great White-Verhältnisse. Es ist vielleicht nicht nur eine rhetorische Frage, die Jack Russell hier äußert, denn vielleicht kommt hier wirklich nichts Herausragendes mehr nach.
Ob sich an dieser Stelle wirklich die Gelegenheit bietet, doch noch einen brauchbaren Song zu hören, der einen wirklich mitreißt? Nein, auch "Last Chance" bleibt blass. Sicherlich ist es ein schöner Titel zum Entspannen, aber das war's dann auch schon. Für mich ein typischer Lückenfüller.
In der zweiten Hälfte der CD wird es nochmal scheinbar so richtig gefährlich mit "Danger Zone". Und tatsächlich, es reißt einen wirklich hoch aus der Lethargie der beiden vorigen Stücke. Die Uptempo-Nummer hat wirklich einen schönen Drive, aber sie will nicht so recht hängenbleiben. Störend auch der Gesang, der zu sehr an New Model Army erinnert. Eine Überraschung dann bei der Überleitung, wo die Gitarre wie bei New Wave-Ikone The Police mit ihrem Instrumental "Regatta De Blanc" klingt.
Mit einem wirklich tollen Riff und einem fetten Schlagzeugintro beginnt das nächste Lied, aber als dann die Bläser einsetzen und auch die Titelzeile verschenkt wird, ist klar, dass Great White hier wirklich "Down on the Level" sind, wie der Song auch andeutet, nämlich untere Mittelklasse. Da hätte man wirklich etwas mehr daraus machen können. Total nervig dann auch der etwas weinerlich klingende Chorus. Als Soul/Funk-Nummer sicherlich ein interessanter Aspekt, dass das Quintett so vielseitig ist, aber für einen Hardrock-Fan einfach zu wenig.
Great White haben normalerweise ein Herz für Rock-Balladen, aber "Only you can do" ist nur ein Schatten solcher mitreißender Perlen wie "The Angel Song", "House of Broken Love" oder "Love is a Lie", die einen vollkommen gefangen nehmen. Der Track bleibt absolut belanglos und nichtssagend, und ich bin versucht, sofort weiter im Text zu gehen, denn hier liegt ziemlich viel aufgesetzter Schmalz in der Luft.
Die nächste Bluesballade kommt bestimmt. "My Sanctuary" klingt aber zunächst erst einmal wirklich so, als würde man in einer Kirche sitzen und der Orgel vor dem Gottesdienst lauschen. Das sakrale Stück ist ein bisschen besser als sein Vorgänger, aber auch mit einer Alibi-Mundharmonika wird diese Schmonzette einfach nicht besser, bei aller Liebe und Nettigkeit. Vielleicht hat sich Jack Russell beim Schreiben von Deutschlands Ex-Mittelfeld-Fußball-Ass Andy Möller inspirieren lassen, nach dem Motto: "Vom Feeling her habe ich ein gutes Gefühl", denn natürlich ist das Stück sehr emotional gehalten, aber der hochdosierte Schmusefaktor ist einfach grauenhaft.
Dass Great White ein Faible für die guten alten Rock-Klassiker haben, ist spätestens seit ihrem Led Zeppelin-Tribute Album GREAT ZEPPELIN den eingefleischten Fans bekannt. Die Stones-Nummer "Let's spend the Night together" wird verdammt nah am Original zelebriert, so richtig werksgetreu eben, aber das reißt einen auch nicht so richtig vom Hocker und kann den Gesamteindruck dieser Produktion einfach nicht mehr entscheidend verbessern. Hätte man hier ein deutlich herausgespieltes Hardrockriff präsentiert, dann hätte man diesem Oldie vielleicht wirklich mal die fällige Frischzellenkur verpasst, schade.

Fazit: Mit RISING legen Great White ein sehr kommerziell zurechtgemachtes Mainstream Rock-Album vor, das zugegeben immer noch ihre ganz eigene Bluesrock-Handschrift trägt, das aber über weite Strecken enttäuscht. Mit anderen Worten: der Lack ist ab, die alten Helden sind müde. Ihre kreativste Phase hat die Band eben hinter sich, und statt sich selber zu kopieren wie z.B. AC/DC, hat man sich dem AOR geöffnet und die Sache etwas ruhiger und vor allem entspannter angehen lassen. RISING steht für locker-flockigen Gute-Laune-Rock'n'Roll ohne den Tiefgang wie auf TWICE SHY oder PSYCHO CITY. Wer sich mit dem neuen Stil der Band anfreunden kann und sowieso unbedingt wieder etwas Neues von seinen Lieblingen hören möchte, der ist mit der Scheibe gut bedient.
Für das geruhsame Leben in einem Seniorenheim ist sie jedenfalls ideal geeignet. Wer Songs mit dem gewissen Etwas sucht wie auf den üblich verdächtigen, bereits zitierten Werken, der wird eine herbe Enttäuschung erleben und sollte lieber die Finger davon lassen.
Ein Wort noch zum CD-Cover, denn das ist vom Artwork her ziemlich verkitscht und bunt, was an naive Malerei erinnert. Man hätte das auch als Schutzumschlag für einen Kinder-Zeichenblock verwenden können, denn der abgebildete Hai, der sich da mit seinem Kopf aus dem Wasser traut, sieht ziemlich harmlos und ohne den richtigen Biss aus. Hoffentlich ist das nicht symptomatisch für die weitere Zukunft des "Meeresräubers", der ein letztes Mal auftaucht und nichts Greifbares zu fassen bekommt. Das wäre für die weitere Zukunft dieser unvergleichlichen Band ein zu schlechtes Omen, was wir doch nicht hoffen wollen.

Anspieltipps:
 Weniger "I don't mind" und "Down on the Level", um so mehr aber "Loveless", als Reminiszenz an vergangene Tage, weil es hier immer noch einige magische Momente zu erleben gibt.

Tipp:
 Wenn man gerade erst Great White neu für sich entdeckt hat, dann sollte man auch in den guten alten Klassikern schwelgen, als da wären "Once Bitten", "Twice Shy", "Hooked" oder "Psycho City". Ansonsten gibt es in Sachen bluesbetonten Hardrock keine vergleichbaren Bands, aber man kann sicherlich mit Cinderella, dem ersten Album von Mr. Big "Lean Into It", Badlands oder den Bullet Boys hier noch seinen musikalischen Horizont entsprechend erweitern.

Titel-Liste:
 
  1. Situation
  2. All or Nothin'
  3. I don't mind
  4. Shine
  5. Loveless
  6. Is it enough
  7. Last Chance
  8. Danger Zone
  9. Down on the Level
  10. Only you can do
  11. My Sanctuary
  12. Let's spend the Night together

Laufzeit:
 58:49 Min.

Band-Infos:
 
  • www.mistabone.com 

  • Probehören und Kaufen:
    Great White: RISING

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