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Review: Guns N' Roses
 
CHINESE DEMOCRACY

Album:
 CHINESE DEMOCRACY, 2008, Geffen

Stil:
 Modern Hard Rock

Wertung:
 5,5 von 7
5,5 von 7 Punkten
 J.P., 14.12.2008

Review:
 CHINESE DEMOCRACY! Da ist es also, das Album mit dem wohl keiner mehr gerechnet hat. Wie oft wurde die VÖ in der Vergangenheit schon verschoben? Drei, Vier mal? Ein Album um das im Vorfelde mehr spekuliert wurde, wie vielleicht um kein zweites. Wie dem auch sei, von den "alten" Gunners ist jedenfalls nur noch der rothaarige Frontmann Axl Rose übrig. Durch einen geschickten Schachzug hatte er sich zu Beginn der Bandgeschichte 1985 die Namensrechte an Guns N' Roses sichern können. Das letzte Werk liegt inzwischen schon einige Jahre zurück. Mehr als 13 Millionen Dollar soll das Album zwischenzeitlich schon gekostet haben und ist jetzt endlich auf den internationalen Markt gelangt. Drei von Axls früheren Bandmitgliedern Slash, Duff McKagan und Matt Sorum haben nach ihren Ausstiegen Ende der Neunziger sich im Jahr 2002 erneut zusammengefunden und ihrerseits die Band Velvet Revolver ins Leben gerufen. Einziger Bekannter aus alten Tagen ist lediglich Keyboarder Dizzy Reed in aktueller Besetzung. Da stellt sich natürlich die Frage: Wieviel Guns N' Roses steckt also in Chinese Democracy?

Es ist nicht einfach zu verstehen, was uns die netten Chinesen im Intro des ersten Songs mitteilen wollen. Das sich anschließende Riff in "Chinese Democracy" kommt mir dafür ungewöhnlich vertraut vor. Ich könnte schwören, es bei meinem ersten Gitarrenunterricht 1996 schonmal gespielt zu haben. Das kann doch wirklich nicht ernst gemeint sein?
Nun gut, ein klassisches Rockriff eben. Manchmal ist einfach ja nicht gleichbedeutend mit schlecht, also warten wir mal auf den Gesang. Und da ist er auch schon: Axl Rose, wie wir ihn kennen und lieben - kreischig, kratzig und dreckig! Das Riff bettet sich schließlich besser ein, in nichts wirklich Neues, aber ein immerhin rollendes Rockthema. Der Sound der Gitarren ist den frühen Gunnergitarren nachempfunden und lässt sogar die ein oder andere Errinerung aufflammen. Ein Feuerwerk wird mit dem Refrain im ersten Song leider nicht abgefeuert, und ehe man sich versieht ist der Song auch schon wieder vorbei, sodass man das Gefühl hat irgendwas verpasst zu haben. Das Solo kann jedoch ohne weiteres als äußerst hörenswert bezeichnet werden, dabei hat der Leadgitarrist doch in große Fußstapfen zu treten.
Der Einsatz von Elekto-Elementen ist tatsächlich eine Neuerung bei Guns N' Roses, wie sie zu Beginn von "Shackler's Revenge" zu hören sind. Vielleicht gehört es einfach zum guten Ton einer modernen Produktion ein bisschen mit den Effekten rumzuspielen. Man kann es jetzt Geschmackssache nennen oder einfach falsche Erwartunghaltung, doch gehören Baustellengeräusche und Guns N' Roses nicht zusammen, oder? Das wäre ungefähr so, als würde man im Urlaub seinen Laptop mitnehmen! Der zweite Titel ist derart vollgestopft mit quietschenden Samples, das der Refrain auch wegen der hohen Gesangslinie die Nerven schon auf eine harte Probe stellt. Im Großen und Ganzen ein Song, dessen Wirkung beinahe komplett verloren geht.
Mit "Better" wird der Hörer auf einmal mit einer Klasse konfrontiert, wie er sich eigentlich von dieser Scheibe erhofft hatte. Eine typische Axl Rose Gesangslinie und ein Arrangement, dass nahtlos an die alten Zeiten anknüpft. Im Angesicht der Entwicklung der Band, ein klasse Song.
"Street Of Dreams" startet mit Piano und viel Gefühl. Eine gehörige Portion Synthiestreicher dürfen hier auch nicht fehlen. Bis das Lied seinen Höhepunkt erreicht, kommt die Leadguitar nochmal zum Einsatz und bereitet den Weg für Axl im dritten Refrain nochmal eine Oktave nach oben zu klettern. Zwischen schön und scheußlich trällert er seine Harmonien dahin, dass der Unterschied dazwischen in der Mitte zweier Atome platz finden würde. Definitiv hinterlässt dieser Song seine Spuren in den Gehörgängen.
Neben den obligatorischen Elektro-Samples eröffnet eine Flamencogitarre den nächsten Song "If The World". Der Song hätte vom Arrangement auch durchaus auf eine der Platten von Seal passen können. Wen es jemals so etwas wie eine Rock-Lounge geben sollte, würde dieser Titel dort mit Sicherheit rauf und runter gespielt. Obwohl dieser Song der CD experimentel am stärksten ausgefallen ist, passt hier auf einmal alles zusammen. An dieser Stelle kann ich nur sagen: Groschen gefallen! Wenn das die Guns N' Roses der Zukunft sein sollen, bitte! Ein stimmiger moderner Song mit Athmosphäre und Message.
Und da wir schon bei Drum & Bass sind, schließt sich im Anschluss "There Was A Time" an. Der Vers kommt wieder größtenteils aus der Konserve. Bis der Gesang so richtig zündet vergehen so einige Durchläufe. Axl sinniert über die Vergangenheit und erklärt am Ende, er würde doch alles für diese eine Person tun. Tja, am Ende ist man immer schlauer. Am Ende dieses Songs ist jedenfalls sicher, welche Richtung Axl Rose mit CHINESE DEMOCRACY eingeschlagen hat - die Richtung des Fortschritts!
Ein fluffiger, im ersten Moment wenig aufdringlicher Song folgt mit "Catcher In The Rye" . Hier darf mitgesungen werden, was das Zeug hält: Lana na na nana na. Dieser Titel drängt nicht sofort ins Ohr, sondern schwingt sich ganz entspannt durch die Gehörgänge, bis er irgendwann sein Ziel erreicht hat. Er bleibt im Kopf und nistet sich gemütlich im Gehirn ein. Später beim Autofahren vielleicht, ertappt man sich auf einmal bei: Lana na na nana na. Unerwartet starker Titel.
In "Scraped" wird a capella eröffnet. Gibt man dem Chor ne Chance, rockt der Refrain ungemein. Anderfalls ist dieser Song ein Fall fürs schnelle weiterskippen, da sonst Gefahr eines Nerveninfarktes besteht.
Achtung, mein Highlight dieses Albums - "Riad N' The Bedouins". Zugegeben, man muss auf diese Art Gesang stehen. Ansonsten ergeht es einem wie beim Titel zuvor. Erneut beginnend mit den schon obligatorischen Elektro-Samples singt sich Axl unter einem fetten Riff die Kehle wund um im Refrain zweistimmig den Vogel abzuschießen. Das Solo verwöhnt mit den neuesten Wundern der Effektewelt und wirkt sehr eigenständig. Obwohl der Song immerhin 04:10 Minuten misst, hätte er für mich gern noch länger ausfallen können.
Weiter geht es mit dem zehnten Titel "Sorry", welcher das Tempo wieder drosselt. Drei Akkorde erscheinen für ein einziges Lied wenig, doch schafft dieser Song eine raumgreifende Atmosphäre. Axl erzählt seine Geschichte, und wer ihm Gehör schenkt, erhält im Ausgleich träumischere sechs Minuten stimmungvolle Musik.
Bei "I.R.S." steht mehr die Aussage im Vordergrund als die Musik. Hier kotzt er sich mal richtig aus. Ein sehr persönlicher Song, da eine Zeile daraus lautet: "Feelin' like I'm livin' inside of this song". Ansonsten bleibt davon nicht richtig was hängen. Die Gesangspassagen sind teilweise zu hoch um Wirkung zu erzielen.
In "Madagascar" geht es nicht um den gleichnamigen Trickfilm, werden am Ende sogar Zeilen aus "Civil War" und der berühmten Rede von Martin Luther King Jr. eingestreut. Dieser Titel plätschert ähnlich gemütlich dahin wie der vorherige. Dagegen können auch die Bläser und Streicher nichts ändern. Gegen Ende von CHINESE DEMOCRACY kommt der Hörer nochmal in den Genuss von Axl, allein am Piano.
"This I Love" besticht durch sein gekonntes Songwriting und Melodiegefühl. Klar, dass viele sich das Maul zerreißen und behaupten, er habe kläglich versucht ein zweites "November Rain" zu schreiben. Vielleicht hat er das sogar. Doch war Axl schon immer ein Songwriter, der seine Songs allein am Piano schreibt. Da ist es auch nicht weiter verwunderlich, dass dabei solche pathetischen Stücke wie dieses entstehen. Es wird nie ein zweites "November Rain" geben, dafür bekommt man trotzdem einen fantastischen Song serviert, der auch lyrisch seinen Anklang findet.
Bei dem letzten Song des Albums ist Drum & Bass eindeutig genüge getan. Richtig störend trommeln die Drums bei "Prostitude" dazwischen. Interessant wäre zu wissen, wer der Adressat dieser Zeilen zuteil wird. Es scheint als wenn Rose nochmal mit allen abrechnen wollte. Ansonsten ein annehmbarer Abschluss einer unterhaltsamen musikalischen Erfahrung!

Fazit: Man kann es wenden wie man will, CHINESE DEMOCRACY ist nichts für alteingesessene Hard Rock-Fanatiker, die den alten Zeiten hinterherweinen. Diese sollten sich einfach mit Velvet Revolver zufriedengeben. Doch für diejenigen, die schon immer auf Axls unverkennbare Stimme und sein Händchen für eigenständiges Songwriting standen, und vor allem für Leute, die aufgeschlossen gegenüber neuer Musik sind, sei diese Scheibe wärmstens empfohlen! Obwohl ich eine tiefe Abneigung gegenüber Elektro-Musik hege, muss ich dieser Scheibe meinen Tribut zollen und ziehe den Hut vor den Guns N' Roses der Zukunft! Am Sound gibts auch nichts zu meckern, bis auf die tieferen Mitten ist alles gut hörbar und ausgewogen. Und mit einer Laufzeit von über 70 Minuten kriegt man fast das doppelte von dem, was sich so einige gehypte Newcomer erlauben. Eigentlich hat diese Platte alles was das Herz begehrt, bis auf einen Hit.

Anspieltipps:
 "Better", "Street Of Dreams", "Catcher In The Rye", "Raid N' The Bedouins" und "Sorry".


Titel-Liste:
 
  1. Chinese Democracy
  2. Shackler's Revenge
  3. Better
  4. Street Of Dreams
  5. If The World
  6. There Was A Time
  7. Catcher In The Rye
  8. Scraped
  9. Riad N' The Bedouins
  10. Sorry
  11. I.R.S.
  12. Madagascar
  13. This I Love
  14. Prostitude

Laufzeit:
 71:28 Min.

Probehören und Kaufen:
Guns 'n' Roses: CHINESE DEMOCRACY

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