 |
Enjoy it! |
 |
|
 |
Review: Nightwish |
 |
| |
Album:
| | IMAGINAERUM, 2011, Nuclear Blast |
Stil:
Wertung:
| |  6 von 7 Punkten | | J.G., 23.12.2011 |
Review:
| | Nun ist es so weit. Nightwish haben es endlich geschafft, noch vor Jahresende ihr längst angekündigtes Album IMAGINAERUM auf den Weg zu bringen. Immerhin wurde bereits im März vergangenen Jahres vermeldet, dass anstehende Familienzuwächse die Produktion des Albums nicht gefährden würden. Jukka Nevalainen und Marco Hietala waren gerade Vaterfreuden ausgesetzt und Anette Olzon mit ihren zweiten Sohn schwanger, der Ende Juli 2010 zur Welt kommen sollte. Geplant war das Einsingen von Anettes Parts ab Oktober 2010. Alle Aufnahmen für das Album dauerten dann bis April 2011. Jetzt könnte man sagen, was lange währt, wird endlich gut, aber die vielfältigen Lobpreisungen aus eigenem Hause ließen mich vorsichtig werden. Wie oft waren dies untrügerische Indizien für so manche (negative) Überraschung bei Bands.
Ich will hier jedoch nicht vorverurteilen, sondern lasse mich gerne eines besseren belehren.
Nach Spieluhrklängen beginnt das Album mit dem ruhig dahin plätschernden Opener "Takaitalvi", der ausschließlich von Marco Hietala gesungen wird. Die orchestrale Begleitung sorgt für Tiefe leitet vom rein akustischen Beginn langsam über in den bombastisch und flott arrangierten Song "Storytime". Bereits von DARK PASSION PLAY bekannte treibende Power-Riffs sorgen für gehörig Druck und Anette dominiert trotz gewaltiger orchestraler Arrangements auf der ganzen Linie. Was hier so "einfach Power Metal-typisch begann steigert sich im Refrain zu einer wahren Bombast-Orgie. Ein deutlicher Fingerzeig auf das, was man die nächsten 70 Minuten erwarten kann. Ganz dunkel erinnert es mich an Songs wie "Beauty of the Beast", der ähnlich aufgebaut war.
Das folgende "Ghost River" spielt mit Kontrasten zwischen einer sanften weiblichen und harten männliche Gesangsstimme. Kernelement ist eine allmähliche Steigerung der sanften und harten Passagen, die in einem finalen Feuerwerk zu münden scheinen. Chöre und Heerscharen von Streichern und Bläsern konkurrieren instrumental gesehen mit harten Metal-Gitarren. Für den Refrain setzt man noch eins drauf und bedient sich eines Kinder-Chors - durchaus gelungen.
Noch mehr Überraschungen gefällig? Dann ist man bei "Slow, Love, Slow" genau richtig. Wer hätte schon vermutet, dass hinter der Jazz-angehauchten Bar-Atmosphären-Ballade nicht Michelle Pfeiffer und die fabelhaften Baker-Boys stecken, sondern Anette Olzon und Nightwish? Zugegeben hat man hier sicherlich eine der stimmlichen Stärken der Sängerin gefunden und geschickt mit Cello, Bass und Trompete genial in Szene gesetzt.
Umso härter fällt der Sprung zum nachfolgenden Up-Tempo-Folk Metaller "I want my Tears back" auf, der mit seinen irisch/keltisch angedeuteten Elementen sofort für gute Laune sorgt. Schwungvoll, mitreißend arrangiert lebt der Song diesmal vor allem vom gelungenen Zwiegesang von Frontfrau und -mann. Hier kommt Anette ihrer Vorfrau Tarja durchaus sehr nahe und agiert mit zarter zerbrechlich wirkender Stimme wohin Marco gewohnt kraftvoll und rauer singt. Ohrwurm-Garantie!
Den nächsten Song "Scaretale" muss man erstmal mithilfe mehrmaliger Durchläufe verdauen. Eigentlich würde sich dieser Song prima als Filmmusik eignen. Hier werden opulente orchestrale Elemente, Jahrmarkt-Flair und Kinderchöre vermengt mit Symphonic Power Metal und zeigt uns gleichzeitig stimmlich eine ganz andere Seite der Frontfrau. Aggressiv bissig und böse überdreht gemischt mit einer gehörigen Portion Erotik ist durchaus passend, aber eben auch erst zu verdauen. Und schon wieder sehe ich Michelle Pfeiffer, aber diesmal als Batmans Gegenspielerin Selina Kyle aka Catwoman in Lack und Leder - Miau!
Als Nachschlag gibt es im Anschluss das Instrumental "Arabesque", welches das musikalische Konzept seines Vorgängers fortführt und ausklingen lässt.
Die zweite Album-Hälfte beginnt mit der besinnlichen Ballade "Turn loose the Mermaids". Gesunden mit melancholischem Unterton sind es vor allem die sanften Flöten und eine gepfiffene Melodie, die sofort an große Western-Epen alà Ennio Morricone erinnert und einmal mehr mit einer neuen stilistischen Spielart überrascht. Balladen-Liebhaber werden hier einen genialen Song finden, der mit hohem emotionalen Niveau überzeugt ohne sich plattem Pathos zu bedienen.
Von Anfang bis Ende mit Abwechslung glänzt das episch angehauchte "Rest Calm". Mit üppig-bombastischen harten Arrangements steigert sich der Song bis zum Refrain, wo er mit zuckersüßem Gesang seine Erlösung findet. Erneut werden dezent agierende Kinder-Chöre eingesetzt und geschickt in das dramatisch gestaltete Konzept eingebunden. Würde so die Zukunft von Nightwish aussehen, hätte ich nichts einzuwenden.
In fast die gleiche Kerbe schlägt "The Crow, the Owl and the Dove", überzeugt dabei jedoch mehr mit Folk-Elementen und akustischen Gitarren. Gesanglich auf höchstem Niveau werden Emotionen pur geboten und so mancher am Wasser Gebaute wird vor Rührung ein Tränchen wegdrücken.
Mit "Last Ride of the Day" bewegt man sich mit auf bestens bekannten alten Pfaden zu Zeiten von CENTURY CHILD oder ONCE. Mitreißendes Up-Tempo gepaart mit ultraeingängigem Ohrwurm-Refrain lässt die guten alten Nightwish-Zeiten durchblitzen ohne dass man unbedingt die Stimme einer einstigen Tarja vermissen würde.
Wer "The Poet and the Pendulum" vom Vorgänger-Album unpassend oder gar nervig fand, wird sich auch mit "Song of Myself" wohl nur schwer anfreunden können. Ansonsten bietet der Song mit seinen 13 Minuten jede Menge Abwechslung und von Up-Tempo über AOR-Anleihen und mystisch bombastischen Abschnitten bis hin zu verspielt balladesken Klängen ist jede Menge geboten. Einzig und alleine mit dem Hörspiel-Part kann ich mich nicht so sehr anfreunden, so manch einer wird dem andächtig lauschen. In jedem Fall passt der Schlussakt ins Konzept und beschert dem Rock-Opern-Album einen würdevollen Ausklang, mit teilweise grenzwertiger Annäherung zum Kitsch.
Fazit: Der Moment des Fazits ist gekommen und es fällt mir diesmal besonders schwer. Handwerklich gesehen gibt es nichts auszusetzen und angesichts der beteiligten Musiker ist eine 7-monatige Aufnahmezeit auch erklärbar. Lediglich Nightwish-Fans der ersten Stunde werden darin wohl eine Mogelpackung erkennen, denn was drauf steht, ist nicht das, was man bekommt. Eine stilistisch mannigfaltige, bombastisch opulent arrangierte Rock-Oper würde als Beschreibung am Besten passen, aber wer hätte das erwartet?
Wer nun auch noch den Fehler begeht und IMAGINAERUM mit frühen Werken wie ANGELS FALL FIRST oder OCEANBORN vergleichen will, sollte dies tunlichst lassen. Ich wiederhole mich gerne und möchte feststellen, dass Anette Olzon niemals Tarja Turunen ersetzen kann. Jedoch hätte sie meiner Meinung nach auch eine Chance verdient, ihre eigenen Stärken auszuspielen. Und das ist hier definitiv nicht geschehen. An einigen Stellen wird sie fast genötigt zu schreien, statt zu singen.
Kompositorisch ist es über weite Strecken die Fortführung von DARK PASSION PLAY, jedoch mit einigen mir etwas gewöhnungsbedürftig anmutenden Stellen. Nichts gegen Kinderchöre, Folk-Splitter, Rummelplatz-Flair, Barmusik oder Western-Melodik, aber doch nicht unter der Flagge Nightwish! Was die Band bisher auszeichnete war die Mischung aus düster angehauchtem druckvollen Metal mit engelsgleicher Frauenstimme, die schnelle Kracher genauso dominiert, wie melodische Balladen. Dieses Alleinstellungsmerkmal geht zusehends verloren. Was bleibt ist zunehmend Mainstream. Vielleicht war das auch die Absicht und würde zumindest den stilistischen Rundumschlag erklären.
Wäre Holopainen unser deutscher Sammet gewesen, so hätte dieser das Werk nicht unter Edguy sondern Avantasia laufen lassen - und das wäre sinnvoll gewesen, anstatt Nightwish ein eigenes Projekt. Das hätte der sowieso heiklen Nightwish-Fangemeinde nicht neuen Zündstoff in die Hände gegeben und wäre irgendwie auch "ehrlicher" gewesen. Stilistische Evolution kein Thema, aber Revolution um jeden Preis? Waren es diesmal vielleicht zwei Schritte zu viel?
Was unterm Strich bleibt ist technisch hochwertige kommerzielle Unterhaltung, mit vielen eingängigen Melodien, eingebettet in teils komplexe Soundstrukturen, die eine gewisse Stiloffenheit voraussetzen. Als Zugabe gibt es auch noch eine CD als pures Instrumental, die einmal mehr die beschrittene Bandbreite offenbart.
Dieses Album wird unzweifelhaft polarisieren und viele werden sich die Finger heiß schreiben, sei es nun mit Lob oder Tadel. Ich persönlich komme übrigens mit der Scheibe prima klar, wenn ich das "Label Nightwish" ingnoriere, denn ich bin ein Fan brachial bombastischer Arrangements, wie sie auch Rhapsody of Fire & Co zum Besten geben, muss aber fairerweise Punktabzüge geben, will ich die Erwartungen und Bedürfnisse von vielen (sicherlich nicht allen) Nightwish-Fans berücksichtigen. Wäre es ein eigenständiges Projekt, hätte ich keine Probleme, eine volle "7" zu vergeben! |
Tipp:
| | Hier sollten auch Nightwish-Fans der ersten Stunde vorurteilsfrei herangehen und testen, ob sie an den stilistischen Veränderungen Gefallen finden können. Für Symphonic Metal/Rock-Fans, die auf Rock-Oper-Konzepte abfahren, gibt es hier einiges zu entdecken. |
Titel-Liste:
| | - Takaitalvi
- Storytime
- Ghost River
- Slow, Love, Slow
- I want my Tears back
- Scaretale
- Arabesque (Instrumental)
- Turn loose the Mermaids
- Rest Calm
- The Crow, the Owl and the Dove
- Last Ride of the Day
- Song of Myself
|
Laufzeit:
| | CD Original: 74:54 Min. / CD Instrumental: 73:54 Min. |
Probehören und Kaufen:
Empfehlen:
|
|
 |
|
 |
|
 |
Bandinfos |
 |
 |
Neue Reviews |
 |
|