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Review: Ritchie Blackmore's Rainbow
 
STRANGER IN US ALL

Album:
 STRANGER IN US ALL, 1995, RCA/BMG

Stil:
 Hard Rock, Blues Rock, Melodic Rock

Wertung:
 5 von 7
5 von 7 Punkten
 C.L., 01.10.2009

Review:
 Über Rainbow muss man nicht mehr viel sagen. Als sich Mitte der 1970er Jahre Deep Purple auf einer Gastspielreise durch die BRD befanden, nahm deren Solist Ritchie Blackmore in den Pausen seine musikalischen Ideen einfach auf einem mitgeführten Kassettenrecorder auf. Als es dieses Material u.a. nicht auf die nächste Platte dieser Classic-Rock-Legende schaffen sollte, begann sich der britische Exzentriker nach einer eigenen Band umzuschauen. Die fand er 1975 in den verbliebenen Musikern der gerade aufgelösten Bluesrock-Combo Elf, die er als Support auf mehreren US-Touren bereits kennen gelernt hatte. Bei den New Yorkern ahnte deren Sänger Ronnie James Dio damals wohl nicht, dass die Zusammenarbeit mit dem prominenten Virtuosen der Startschuss zu einer großen Hardrock-Karriere sein sollte.
Auf der ersten LP firmierte man noch als Ritchie Blackmore's Rainbow, bevor man sich dann einfach nur Rainbow nannte. Ein stabiles Line-Up kam nie zustande, denn dazu lebte der Bandboss zu sehr nach dem Motto "hire and fire". Doch Blackmore muss man dafür zugute halten, dass er mit dieser immer wieder anders zusammen gewürfelten Gruppe stilprägend nicht nur für den Hardrock, sondern auch für die Abarten Power und Speed Metal war. Ohne diesen Egotrip und die damit verbundene Lossagung von Ian Gillan & Co. hätte es diese Entwicklung vielleicht nie in dieser Form gegeben.
Dieses Bäumchen-wechsel-dich-Spielchen machte dabei auch nicht vor der Position am Mikro halt. Obwohl Dio mit seinen Fantasy-Texten das Genre revolutionierte, kam es durch handfeste Probleme mit dem eigenwilligen Gitarrengott zur Trennung. In diesem Abschnitt wirkten Rainbow wie eine melancholischere Version von Deep Purple, dem zahlreiche Dauerbrenner entsprangen ("Man On The Silver Mountain", "Long Live Rock 'n' Roll", "Stargazer"). Als sich Blackmore dann als Nachfolger einen gewissen Graham Bonnet unter den Nagel riss, sollte dies die zunehmendere Kommerzialität der Formation einläuten, um auch auf dem umkämpften US-Musikmarkt zu reüssieren. Diese Rechnung ging jedoch nie auf. Zwar wurde der von Russ Ballard ("Voices") geschriebene Titel "Since You Been Gone" auf DOWN TO EARTH ein Achtungserfolg, aber der Mann mit dem charakteristischen Kinnbärtchen war erst zufrieden, als er den nicht gerade pflegeleichten Ex-Marbles-Interpreten ("Only One Woman") gegen ein amerikanisches Greenhorn austauschen ließ. Aber auch mit Joe Lynn Turner waren die Billboards einfach nicht zu knacken. Aus dieser Ära dürften aber dem einen oder anderen noch Hits wie "Stone Cold" oder "I Surrender" geläufig sein. Mit der letzten 80er-Produktion BENT OUT OF SHAPE war dann das Ende der Fahnenstange wirklich erreicht, repräsentierte diese doch das absolute Maximum der unerträglichen Seichtigkeit des Rainbow-Pops. Das musste der fingerfertige Leitwolf erkannt haben und legte erst einmal eine Kreativpause ein. Dabei blieb er seinem Motto treu und stampfte 1995 zwecks Comeback eine ganz neue, hungrige Truppe aus dem Boden. Wie die Rockfans diese Wiederkehr im Zeitalter des Grunge und Alternative Rocks aufnehmen würden, konnte Blackmore damals aber auch nicht voraussagen.

Obwohl es bei dem Opener nur im übertragenen Sinne um einen einsamen Wolf geht, kann man Sänger Doogie White ohne weiteres bescheinigen, dass er gut gebrüllt hat auf "Wolf to the Moon". Die etwas zurückgenommene Uptempo-Nummer klingt frisch und genau auf den Punkt. Hier sind exakt die richtigen Rainbow-Ingredienzien vorhanden, die der Fan so schätzt. Eine mehr als solide Vorstellung, die auf jeden Fall aber sehr viel besser als auf BENT OUT OF SHAPE 'rüberkommt. Am überzeugendsten nicht etwa das unvergleichliche Blackmoresche Instrument, sondern der Refrain "slave to the highway", der absolute Ohrwurmqualitäten hat. Der Speed-Metalfraktion dürften dabei aber ganz besonders die Augen übergehen, denn der Meister spielt ein paar sehr schöne genretypische Licks und Akkorde, wie man sie in noch ausgeprägterer Form bei diversen Kapellen wie z.B. Helloween erleben kann. Beim Co-Writing/-Composing war auch eine gewisse Candice Night beteiligt, von der später noch zu reden sein wird.
Einer eiskalten Lady ist sicherlich jeder von uns schon einmal begegnet, und das dürfte auch White beim Schreiben von "Cold hearted Woman" durch den Kopf gegangen sein. Ein achtbarer Bluesrocker mit tollem Groove, wenn man bedenkt, dass die Stärken des populären Stratocaster-Spielers eher in der Klassik liegen. Beim gefühlvollen Einzelspiel tönt soundtechnisch der Kollege Michael Schenker mit seinem röhrenden Markenzeichen durch. Mit Ronnie James Dio hätte man dieses Lied auch nicht besser machen können. Sehr schön auch der geniale Synthesizer-Abgang gegen Ende, der eines Tony Carey absolut würdig ist.
The Police bringt man mit Rainbow normalerweise nicht in Verbindung, aber "Hunting Humans (Insatiable)" klingt, als hätte das schottische Stimmtalent hier die ganze Nacht Sting auf der REGATTA DE BLANC gelauscht. Hört sich sehr interessant an, weil es auch diesen knochentrocken-monotonen "1,2-1,2"-Rhythmus besitzt. Das Stakkato macht den Song zu einem echten New Wave-Teil, wo aber statt Andy Summers eben die lebende Hardrock-Ikone die Saiten zupft. Schon beim ersten Anhören geht es einem einfach nicht mehr aus dem Kopf. Außerdem klingt es kurioserweise nicht gerade nach einer Menschenjagd der härteren Gangart, hat aber dafür einige fesselnde dunkle Momente aufzuweisen.
Nach dieser faustdicken Überraschung folgt mit "Stand up and Fight" sofort die nächste. Hier klingt die Band eher nach Singer/Songwriter-Mucke a la Tom Cochran oder Bob Seger. Für die sehr kommerziellen US-Radiostationen genau das richtige Futter, aber für mich bleibt dagegen nichts Zwingendes im Gedächtnis. Ganz netter AOR mit amtlicher Mundharmonika und Country-Einschlag, aber der plätschert so ziemlich belanglos den Bach herunter. Ich kämpfe im Gegensatz zur kampfeslüsternen Hauptzeile eher mit dem Schlaf.
Bei "Ariel" geht es nicht um einen der diversen Luftgeister des Shakespeare-Dramas "Der Sturm", sondern hier wird eine Liebesgeschichte mit traurigem Ausgang vertont. Dem Quintett gelingt damit ein gekonnter Einstieg in einen melancholischen Midtempo-Rocker, der mit seinem orientalisch klingenden Keyboard an "Gates Of Babylon" erinnert. Der süchtig machende dramatische Aufbau beweist eindrucksvoll, dass das wirklich Rainbow sind, wie sie leiben und leben. Die zu vernehmende Backgroundsängerin Candice Night ist übrigens die langjährige Lebensgefährtin und seit Oktober 2008 auch die Ehefrau von Ritchie Blackmore.
Für die Jünger von Joe Lynn Turner ist es für Tränen zu spät, denn mit "Too late for Tears" tröstet dessen blutjunger Nachfolger diese so charmant über den Verlust hinweg, dass es hier eher zu Freudentränen kommt. Nach dem eher sentimentalen Stück zuvor wird wieder richtig Gas gegeben. Die schnelle Weise mit Blues-Rhythmik würzt der Grandseigneur des klassischen Rocks in seiner unnachahmlichen Art mit dem Einsatz des Wah-Wah-Pedals beim Solo. An dieser Stelle klingt Blackmore wie aus einem Guss, denn jeder Ton sitzt einfach.
Mit dem umittelbar darauffolgenden bluesgetränkten Tempo-Macher "Black Masquerade" gehen die Turner-Gedächtniswochen eine Runde weiter. Man braucht wirklich keine schwarze Trauermaske tragen, denn das Enfant terrible unter den Gitarristen präsentiert sich hier enorm spielfreudig und vital. Im Gegensatz zu seinen zahlreichen Nachahmern aus der Shredder-Fraktion kann man Blackmore anhand seiner ganz speziellen Intonation immer noch heraushören und das macht ihn so unverwechselbar, auch heute noch. Erneut ein gelungener, amtlicher Song mit dem Esprit des ehemaligen US-amerikanischen Gesangskollegen.
Der Six-String-Magier bleibt auch bei "Silence" kein bisschen leise, sondern spielt hier zu einem harten und rasanten Bluesrocker auf, der mit ein paar Trompeten garniert wird. Im abschließenden Einzelspiel perlt unnachahmlich der Geist der afroamerikanischen Sklavenmusik durch, aber für meinen Geschmack etwas zu kurz, da wäre mehr drin gewesen. Klingt durch die Blechbläser-Fraktion allerdings etwas deplatziert.
Auch mit "Hall of the Mountain King" wird es wieder nichts mit einer Atempause. Genau das richtige, um morgens auf dem Weg zur Arbeit wachzuwerden. Das diabolische Lachen beim Intro unterstreicht den trostlosen Unterton dieses erdigen Rockers ganz im Stile der Dio-Periode. Blackmore bringt hier gekonnt zwei Zitate der Klassik ein, eines davon ist eine Sequenz aus "Peer Gynt" von Edvard Grieg. Das eh schon flotte Thema steigert sich dann nochmals gegen Ende, dass man Angst hat, dem Ausnahmemusiker könnten jetzt doch glatt die Finger vom Griffbrett davonfliegen.
Einen Abzug in der B-Note gibt es mit "Still I'm sad", denn das macht mich wirklich traurig, dass hier unnötigerweise ein Evergreen vom Rainbow-Debütalbum RISING gecovert wird. Dafür zieht Doogie White gesanglich wirklich alle Register seines Frequenzbereichs bei diesem Yardbirds-Oldie von Samwell-Smith. Dieser durchaus hörenswerte Lückenfüller hätte bei dem bisherigen guten Material nicht sein müssen, es sei denn, dass Blackmore an dieser Stelle den potentiellen Ticketkäufern klarzumachen versuchte, dass mit dem begnadeten Frischling an seiner Seite auch in Sachen Livekonzerte nichts anbrennen würde.

Fazit: Wer vom letzten Opus BENT OUT OF SHAPE mit Joe Lynn Turner wegen seiner seichten und nichtssagenden Art schwer enttäuscht war, der sollte sich schleunigst STRANGER IN US ALL besorgen, denn das dürfte für alle Ungemach vollauf entschädigen. Mit Sänger Doogie White hat Blackmore wahrlich einen phänomenalen Performer aus dem Hut gezaubert. Der Youngster hätte ohne weiteres für noch weitere Rainbow-Projekte gebucht werden können, aber leider ist es dazu nicht mehr gekommen, denn 1997 war dann der wirklich letzte Auftritt in dieser Konstellation. Diese Platte mit noch unverbrauchten Musikern anzugehen, hat diesem Projekt sehr gut getan. Der Verzicht auf die alten Mitstreiter war genau die richtige Entscheidung.
White ist kein Klon der ehemaligen Rampensäue Dio, Bonnet und Turner, sondern hat stimmlich seine ganz eigene Charakteristik und kann dadurch alle drei Welten recht elegant zusammenbringen. STRANGER IN US ALL zeigt uns allerdings, dass er trotz dieser Bandbreite eher ein Mann für die letzte Phase dieses Hardrock-Flaggschiffs ist.
Blackmore ist der Spagat zwischen diesen Epochen recht gut gelungen, weil sein unerfahrener Springinsfeld zwar Richtung Joe Lynn Turner tendiert, aber die Songs in etwa so düster sind wie bei Ronnie James Dio damals.
Zum Cover ist noch zu bemerken, dass man hier die Silhouette eines Mannes mit Gitarre und Zylinder in der Dämmerung auf einem Feld vor sich sieht. Unschwer zu erkennen, es ist natürlich der Bandleader. Aber mit seinen ausgebreiteten Armen wirkt er hier wie eine Vogelscheuche, die bereit ist, um die Dio-Krähen, Bonnet-Dohlen oder Turner-Raben zu vertreiben, nach denen die Kritiker und Anhänger wohl unbewusst verlangt haben auf STRANGER IN US ALL. Warum Blackmore hier nur als Schatten zu erkennen ist, lege ich so aus, dass ihm wohl die Traute fehlte, zu dieser Produktion auch vollkommen dahinter zu stehen, d.h. sein Gesicht zu zeigen. Aber Mr. Blackmore, wer wird denn sein Licht unter den Scheffel stellen, etwas mehr Mut, denn dieser Silberling ist doch recht gut geworden. Aber wahrscheinlich will er nur dokumentieren, dass jeder von uns eine finstere, fremde Seite hat, und dann wird auch klar, warum der Perfektionist sein Werk so und nicht anders betiteln ließ.

Anspieltipps:
 "Wolf To The Moon", "Hunting Humans (Insatiable)", "Ariel", "Too Late For Tears"

Tipp:
 Wer einen Gitarrenzauberer wie Ritchie Blackmore vergöttert, der kommt an dessen Alben mit Deep Purple und Rainbow einfach nicht vorbei. Interessant dürfte dabei die Entwicklung vom Psyschedelischen hin zum populären Hardrock-Sound bei seiner ersten Karriere-Station sein. Aktuell macht der Musiker in modernen Minnesang, indem er zusammen mit seiner treuen Herzdame die Weisen des Mittelalters interpretiert. "Blackmore's Night" schimpft sich diese Zusammenarbeit, und der "Smoke On The Water"-Held spielt hier wenn überhaupt nur noch eine akustische Gitarre und trägt Strumpfhosen wie sein fiktiver Landsmann Robin Hood. Selten noch sieht man ihn in TV-Shows auftreten, wo er "Child in Time" intoniert.
Sollte jemand aber auf die fantastischen Sänger stehen, dem sind die Wege von Ronnie James Dio (Black Sabbath, Dio), Graham Bonnet (MSG, Alcatrazz, Impellitteri), Joe Lynn Turner (Hughes Turner Project, Brazen Abbot) oder Doogie White (Yngwie Malmsteen, Cornerstone) wärmstens ans Herz zu legen.
Letzterer soll übrigens beim Moonstone Project immer dann live über die Bühne fegen, wenn Sangeskollege Glenn Hughes terminliche Schwierigkeiten hat.

Titel-Liste:
 
  1. Wolf to the Moon
  2. Cold hearted Woman
  3. Hunting Humans (Insatiable)
  4. Stand and Fight
  5. Ariel
  6. Too late for Tears
  7. Black Masquerade
  8. Silence
  9. Hall of the Mountain King
  10. Still I'm sad

Laufzeit:
 51:03 Min.


Probehören und Kaufen:
Ritchie Blackmore's Rainbow:
Stranger in Us All

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