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Review: Theocracy
 
MIRROR OF SOULS

Doppelschlag:
 Zwei Meinungen: J.G. (6/7) | S.M. (7/7)

Album:
 MIRROR OF SOULS, 2008, Metal Heaven

Stil:
 Progressive Power Metal

Wertung:
 6 von 7
6 von 7 Punkten
 J.G., 22.12.2008

Review:
 
In der Musik ist es wie im sonstigen Leben. Immer dort wo ein riesiges Angebot der Markt überflutet, fällt es schwer Aufmerksamkeit zu erregen. Die US-Amerikaner aus Athens, (Ga.) haben ein Faible für druckvollen melodischen Metal mit deutlich europäischer Prägung, also an sich wenig neues. Als der Bandleader Sänger und Gitarrist Matt Smith 2003 sein Debüt THEOCRACY einspielte, war er noch allein und übernahm deshalb alle Instrumente selbst. Kurz nach der Veröffentlichung wuchs die Band mit Drummer Shawn Benson und Gitarrist Jon Hinds zu einem Trio an, welches nun auch live agieren konnte.
Für den Zweitling MIRROR OF SOULS versuchte Matt nichts dem Zufall zu überlassen und holte sich von der Abmischung (Mikka Jussila u.a. Stratovarius, Children of Bodom und Nightwish) über das Cover-Artwork (Robert Wilson) bis hin zum Booklet (Felipe Machado Franco u.a. At Vance, Ayreon, Iced Earth) ausschließlich Profis ins Boot.
Theoretisch fehlt also nur noch geeignetes Songmaterial für einen klaren Touch Down. Dazu hörte ich mir nun einige der "Spielzüge" genauer an und schon nach wenigen Stichproben war klar, dass diese US-Boys aus der "neuen" Welt europäischer klingen, als manche unserer Leute aus der "alten" Welt.

Und es lässt sich gut an, denn der Opener "A Tower of Ashes" setzt die erste Duftmarke. Ein melodischer sphärischer Synthie-Start zündet die erste Stufe, geht nahtlos über in eine druckvoll goovende Mid-Tempo-Passage der zweiten Stufe und endet in einem kurzen Break, bevor dann die dritte Stufe mit leichter Verzögerung den richtigen Highspeed-Power-Booster startet. Von nun an gibt es kein Halten mehr und ein richtiges Feuerwerk aus meist vertrauten Powerphrasen ergießt sich aus den Boxen - gute Laune ist garantiert.
Beim nächsten Song "On Eagles' Wings" hält man sich nicht lange mit dem Vorspiel auf und geht von Anfang an in die Vollen, wie es Helloween in ihren besten Zeiten getan haben (und stellenweise noch immer tun). Nach kleiner Kurskorrektur verlässt man die Deutschen Gefilde und setzt seine Reise in Richtung Skandinavien fort. Stratovarius könnte das Ziel gewesen sein und vorallem die Chöre sind es, die hier für raumfüllende Atmosphäre sorgen.
Nicht hart genug? Nun, dann sollte "Laying the Demon to Rest" gerade richtig kommen, denn schon das galoppierende Drumming zu Beginn zeigt, wohin der Weg geht? Oder doch nicht? Filmmusik-Passagen, die einem Thriller gut zu Gesicht stehen würden, verschleiern, was dann nach zweieinhalb Minuten Vorglühphase doch zu Tage tritt. Das Drumming drückt gehörig aufs Gas und katapultiert den Song auf Iced Earth-Riffing gepaart mit Dream Evil-Melodik. Auch wenn mir beide Ursprünge bestens bekannt sind, so erstaunt mich doch das Ergebnis, das durchaus "funktioniert". In den über neun Minuten Spielzeit bietet sich natürlich auch jede Menge Zeit für progressive Spielereien, die manchmal schlechter und manchmal besser gelingen, sich jedoch immer an dem roten Faden des anfänglichen Filmmusik-Themas entlang hangeln.
Mit kräftigem Epic Metal Anstrich bewegen sich Theocracy bei ihrer Powerballade "Bethlehem" voll im Fahrwasser der ersten Blind Guardian Alben, wobei sie noch deutlich mehr Wert auf Harmonie und Ausdruck legen, als auf technische Spielereien. Trotztdem ist es gelungen eine deutlich Linie zu ziehen, um weder mit übertriebenem Pathos zu glänzen, noch sich mit einem Griff in den Schmalztopf zu bedienen, wie es so man andere Bands gerne tun.
Schluss mit Gefühl und voll aufs Gas heißt das Motto bei "Absolution Day", das einmal mehr in bester Helloween und Gamma Ray-Tradition eine melodische Riff-Salve nach der anderen abfeuert. Hier ist Headbangen Pflicht, solange es die Nackenwirbel noch aushalten. Auch das spätere "Martyr" erfüllt diese Ansprüche bis zum Anwinken inkl. dem interessanten Folk-Intermezzo.
Eine Vielzahl der Demos und EPs, die dieses Jahr auf meinem Redaktionstisch landeten, waren deutlich magerer als Theocracys Titelsong "Mirror of Souls", der mit seinen 22:27 Minuten ein wahrer Monster-Brocken geworden ist. Und wenn man sich schon so reichlich Zeit für einen einzelnen Song nimmt, dann hat man auch die Freiheit, den bisherigen Weg zu verlassen und die Weiche konsequenter als bisher in Richtung Progressive Metal zu stellen. Das soll jedoch nicht heißen, dass man auf die bisherigen Highlights, wie melodische Hooklines und fette Chöre verzichtet. Vielmehr wird diesem Erfolgsrezept ein farbenfroher progressiver Anstrich verpasst, der sich in unzähligen Themen- und Tempowechseln niederschlägt, dabei aber nie den bereits mehrfach zitierten roten Faden verliert. Eingefleischte Prog-Metal-Fans wird die Band damit natürlich nicht hinter dem Ofen vorlocken, jedoch als quasi Prog-Light-Version ist sie allemal gelungen.

Fazit: Auch wenn dieses Album nicht den Innovationspreis des Jahres 2008 abstauben kann, so ist die spürbare Nähe zu 80er Jahre Metal-Bands wie Helloween, Gamma Ray und Blind Guardian eher charmant als störend. Es gehört heutzutage schon eine gehörige Portion an Neuheiten und eigenständigen Trademarks dazu, sich sichtbar aus dem Riesenteich der Power Metal-Gemeinde absetzen zu können. Progressive Elemente und Dauerwirkung schließen sich meist ebenfalls aus. Da ist auch Theocracy gescheitert, denn egal ob Stimme, Riffing oder Tempovarianten, hat man alles schon einmal gehört.
Aber Schluss mit Kritiken, denn in einem können die Jungs voll punkten. Neben dem absoluten Gespür für gefällige Hooklines sind eine der Stärken sicherlich die variantenreichen vielstimmigen Chöre, die fast immer sofort für gute Laune sorgen und vor purer Spiellaune nur so strotzen. Wer also Gute-Laune Metal sucht, der bekommt hier über eine Stunde das volle Power-Programm geboten, durchsetzt mit abwechslungsreichen progressiven Spielereien.
Und wer sich wundern mag, warum trotz aller Kritik eine gute Wertung herausgekommen ist, der sollte wissen, dass ich nicht in jedem Fall den Anspruch stelle nur Innovation belohnen zu können. Musik ist mehr und hat auch etwas mit Gefühl zu tun. Hier hat mich die Scheibe einfach zu einem Zeitpunkt erreicht, wo mir die Musik gefallen und mich emotional bewegt hat, egal wie viele bestens bekannten Vorbilder vor meinem inneren Auge erschienen sind. Genau das ist für mich eine Leistung, die ich honoriere.

Anspieltipps:
 "A Tower of Ashes", "Bethlehem" und "Mirror of Souls".

Tipp:
 Melodischer Power Metal durchsetzt mit progressiven Elementen ist angesagt und wer davon nicht genug bekommen kann, der wird hier vorzüglich bedient. Welche Bands vermutlich als Vorbilder gedient haben, wurden genügend genannt.



Wertung:
 7 von 7
7 von 7 Punkten
 S.M., 25.12.2008

Review:
 
Die Band Theocracy ist ein Kind des Amerikaners Matt Smith. Das Debütwerk THEOCRACY von 2003 spielte er komplett im Alleingang ein. Danach stießen noch Schlagzeuger Shawn Benson und Gitarrist Jonathan Hinds zur Truppe. Nach intensivem Touring und mehrerer Jahre Vorbereitungszeit steht nun das Nachfolgewerk MIRROR OF SOULS in den Startlöchern. Der Bandleader selbst singt und spielt Gitarre. Über die Bassbesetzung liegen mir keine Infos vor, aber ich gehe davon aus, dass diesen ebenfalls der Multiinstrumentalist Smith eingespielt hat.

Man hat ja so gewisse Vorstellungen, wie eine amerikanische Band klingt. Theocracy widersprechen diesem "Vorurteil" gleich mal ganz massiv, denn der Opener "A Tower of Ashes" klingt wie Melodic Power Metal typisch europäischer, oder genau genommen, schwedischer Prägung. Das fängt schon bei der genialen symphonischen Einleitung an, zieht sich über die eingängige Hookline bis hin zu den überaus catchy Chorälen. Das habe ich in der Form zum letzten Mal bei The Codex gehört, eben einer schwedischen Band, aber auch Genrevorbilder wie Sonata Arctica haben sicherlich Einfluss auf Theocracys Sound ausgeübt.
"On Eagles Wings" fährt genau auf dieser Schiene weiter. Ein straighter, melodischer Aufbau, unterstützt durch Double-Bass-Attacken, mündet in einen wahren Ohrwurmrefrain. Der Bandleader macht übrigens eine hervorragende Figur am Mikro. Er hat eine sehr ausdrucksstarke Stimme, wechselt spielend zwischen mittleren und hohen Lagen und trifft die Töne genau. Da können sich sogar einige Shouter der europäischen Genre-Größen noch was abschauen.
"Laying the Demon to rest" ist wesentlich düsterer arrangiert und das Keyboardspiel bringt eine mystische Note mit ein. Der Groove ist anfangs sehr verhalten und der Gesang unterstützt durch teils gehauchte Passagen den dunklen Eindruck. Mit zunehmender Dauer wird dann mehr Druck aufgebaut und auch das Tempo angezogen. Durch die unterschiedlichen Energien bekommt der Song eine progressive Note. Aber kompositorisch ist er sehr intelligent ausgearbeitet. Lediglich im Refrain wird die düstere Atmosphäre kurz beiseite gefegt, um sich dann erneut zu intensivieren. So stelle ich mir abwechslungsreiches Songwriting vor.
Das genaue Gegenteil zu dieser düstermetallischen Stimmung erwartet uns bei "Bethlehem". Die Hauptmelodie mutet fast ein wenig Weihnachtlich an, was natürlich zur Jahreszeit und in gewisser Weise auch zu den Lyrics passt. Der Song ist teilakustisch und etwas folkloristisch angehaucht. Wenn es auf den Höhepunkt zugeht, darf aber die volle Instrumentenpower glänzen. Insgesamt ist es eine unheimlich emotionale Nummer, die zwar etwas kitschig scheint, aber auf jedenfall auch ihren Reiz hat. Die Choräle sind wieder vom Feinsten.
Nach den Ausflügen in besonders dunkle und in heilige Gegenden, wird bei "Absolution Day" wieder dem knackigen Power Metal gefröhnt. Auch hier machen Smith & Co. alles richtig. Ein zielgerichteter, eingängiger Aufbau, eine Melodie, die sofort ins Ohr geht und ein Höhepunkt, der einfach nur den Gehörgängen schmeichelt. Ich weiß gar nicht, aus welchen Ärmeln die Jungs nur all diese genialen Kompositionen schütteln. Damit der Track außerdem etwas vielfältiger wird, gibt es eine sehr energetische, sowie eine besinnlichere Phase und ein starkes Solo.
Mit "The Writing in the Sand" folgt erneut ein emotionaler Song. In Form einer Power-Ballade werden hier Gefühle, Melodien und auch eine perfekt bemessene metallische Dynamik klasse miteinander vereint. Und beim Refrain möchte der geneigte Hörer wieder sofort mitsingen.
Auch bei "Matyr" wird der Drahtseilakt zwischen knackiger Power und atemberaubenden Melodiebögen wieder toll gemeistert. Auch der lateinamerikanische Touch, der beim Solo aufgegriffen wird, wirkt nicht befremdlich, sondern regt viel eher das Gehör an. Herausragend finde ich diesmal die Gitarrenleads, aber natürlich bezaubern auch wieder die Choräle.
Und, als wäre das nicht alles schon genial genug gewesen, übertreffen sich die Amerikaner beim Abschlusssong selbst nochmal. In 22 ½ Minuten lässt das Trio beim Titelsong "Mirror of Souls" nochmal alles Revue passieren, was dieses unglaubliche Album ausmacht: Sehr druckvolle Abschnitte mit kräftiger Instrumentenpower, wundervolle Melodien, catchy Mitsing-Choräle, Phasen mit besinnlicher oder auch vielschichtiger Stimmung und epische Instrumentalpassagen. Damit dies bei dieser Tracklänge funktioniert, ist der Song progressiv aufgebaut und durchaus etwas komplex. Dennoch wird er nicht anstrengend oder langweilig, sondern kann bis zur letzten Sekunde begeistern. Und das der rote Faden des Stückes dabei nicht verlorengeht, ist ohnehin eine kompositorische Meisterleistung.

Fazit: Theocracy liefern mit MIRROR OF SOULS mal so eben die positive Überraschung der zweiten Jahreshälfte 2008 ab. Melodic Metal, Power Metal und etwas Progressive Metal werden derart stark miteinander vereint, dass acht Kompositionen entstehen, die überhaupt kein bisschen schwächeln. MIRROR OF SOULS ist abwechslungsreich arrangiert und und in jeder Hinsicht songwriterisch perfektioniert. Die fast fünf Jahre Entwicklungszeit haben sich musikalisch ausgezahlt.
Dazu gibt es auch von der technischen Seite keine Mängel. Instrumentalisten und Sänger zeigen eine astreine Leistung und überzeugen durch Professionalität. Das herausragende Element sind aber die choralen Gesangslinien, die ich in dieser Form glaube ich noch nie gehört habe. Die einzige folgerichtige Konsequenz für dieses Highlight des Genres kann nur die volle Punktzahl sein.

Tipp:
 Ich kann nur jedem Melodic- und Power-Metal-Fan raten, sich diesen vertonten Genuss nicht entgehen zu lassen. Und selbst Progressive-Anhänger werden auf MIRROR OF SOULS so manches Prunkstück entdecken.

Titel-Liste:
 
  1. A Tower of Ashes
  2. On Eagles' Wings
  3. Laying the Demon to Rest
  4. Bethlehem
  5. Absolution Day
  6. The Writing in the Sand
  7. Martyr
  8. Mirror of Souls

Laufzeit:
 68:00 Min.

Band-Infos:
 
  • www.theocracymusic.com 


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